Trendwende oder Krisenjahr?

von Redaktion

Im Autobau hat sich die Lage stabilisiert, die Aussichten sind dennoch eher trübe. © dpa

München – Ein Auftragsboom zum Jahresende: „Wer hätte das gedacht?“, kommentierte gestern ein Analyst der Landesbank Baden-Württemberg eine Meldung des Statistischen Bundesamtes. Demnach stiegen die Auftragseingänge in der Industrie gegenüber dem Vormonat um acht Prozent. „Das sieht jetzt wirklich sehr stark nach Trendwende aus“, so der Analyst. Erstmals seit Langem gebe es wieder Grund zu Zuversicht. Die „Bild“-Zeitung titelte sogar: „Industrie boomt!“

Keimt nun Optimismus auf in der Wirtschaft, die bekanntlich zur Hälfte Psychologie ist? Manfred Gößl, IHK-Chef in Bayern, ist anderer Meinung. Zwar sieht auch er in der Industrie die Talsohle erreicht. In einer am Donnerstag veröffentlichten Konjunkturumfrage der Kammer beurteilten 24 Prozent der bayerischen Industrieunternehmen ihre Lage als positiv, genauso viele als negativ. Das ist ein Plus von 13 Punkten gegenüber dem miserablen Vorjahr. Auch im für Bayern so wichtigen Autobau habe sich die Lage stabilisiert. „Aber ein Aufschwung ist nicht in Sicht“, betont Gößl, der auch die Aussagekraft der Auftragsstatistik bezweifelt: „Rechnet man aus den Auftragseingängen die wenigen Großaufträge raus, bleibt nur ein Plus von 0,9 Prozent“, erklärt er. „Und wenn 0,9 Prozent schon ein Boom sind: na dann Grüß Gott.“

Nun gehört Gejammer für Verbandschefs zum Job. Doch die Daten, die Gößl im Gepäck hat, sind tatsächlich alarmierend. Vor allem, wenn man den Blick längerfristig weitet. So lag das Wirtschaftswachstum in Bayern von 2020 bis 2025 im Schnitt nur bei 0,2 Prozent pro Jahr. Weil ein rasanter Aufschwung wohl ausbleibt – die Bundesregierung rechnet mit je rund einem Prozent Wachstum für 2026 und 2027 –, bräuchte es laut Gößl in den Jahren 2028 und 2029 je 4,7 Prozent Wachstum, damit die 2020er nicht das wirtschaftlich schwächste Jahrzehnt seit Gründung der Bundesrepublik werden. Gößl spricht deshalb bereits von den „mageren 20ern“ – einer Dekade der Stagnation. Sie trifft vor allem die Industrie und damit Bayern mit seinen vielen Autobauern, Zulieferern, Maschinenbauern und Chemiekonzernen.

Die dauerhafte Wachstumsschwäche hat Folgen. So will heute ein Drittel der von der Kammer befragten bayerischen Industrieunternehmen Teile der Produktion ins Ausland verlagern – noch einmal deutlich mehr als 2025, damals war es ein Viertel gewesen. Und ebenfalls jede dritte bayerische Firma im produzierenden Gewerbe will Jobs abbauen. Besonders bedrückend: Die Firmen sehen offenbar immer noch kein Licht am Ende des Tunnels – trotz der von der Bundesregierung ausgerufenen Wirtschaftswende. Das geht aus den Geschäftserwartungen hervor, welche die IHK ebenfalls abgefragt hat. Die sind nun seit ganzen 46 Monaten schlechter als der langjährige Schnitt. „So etwas haben wir noch nie gesehen“, berichtet der Verbandschef. Der bisherige Negativrekord von 30 Monaten stammt aus den Jahren 2001 bis 2003, kurz vor Gerhard Schröders Agenda 2010.

Der Unterschied zu damals? „Schröder hat schnell und entschlossen gehandelt“, erklärt Gößl. „Das ist genau das, was uns jetzt fehlt.“ Vor allem mit Blick auf Rente, Pflege und Krankenkassen gebe es dringenden Handlungsbedarf, warnt Gößl. So gaben sechs von zehn Unternehmen hohe Arbeitskosten als größtes Geschäftsrisiko an – hohe Energiepreise empfanden nur noch vier von zehn Firmen als besonders gefährlich. Im Moment liegen die Sozialabgaben bei 42 Prozent. Gebe es keine Reformen wie etwa die Anhebung des Rentenalters auf 69, würden die Lohnnebenkosten bis 2030 auf 45, bis 2040 auf 50 Prozent ansteigen, warnt die IHK.

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