Berlin – Ein abgründiger Ring zur Ausbeutung minderjähriger Mädchen, ein Netz von Kontakten, das in die höchsten Kreise der Supermacht USA reicht – Verbindungen in den Kreml nicht ausgeschlossen. Der Epstein-Skandal nimmt immer größere Ausmaße an. Manches klingt wie aus einer Verschwörungserzählung, doch haben sich schon viele Verdachtsmomente bestätigt. Vor einer Woche hatte das US-Justizministerium weitere Akten veröffentlicht. Der New Yorker Finanzberater und Sexualstraftäter Jeffrey Epstein hatte jahrelang einen Missbrauchsring betrieben. Er selbst missbrauchte zahlreiche minderjährige Mädchen und bot diese auch in seinem Freundeskreis an.
Und Epstein war mit zahllosen Vertretern der High Society befreundet, von Ex-US-Präsident Bill Clinton und dem aktuellen Amtsinhaber Donald Trump über Regisseur Woody Allen und einige der reichsten Menschen der Welt wie Elon Musk und Bill Gates bis hin zu europäischen Royals wie dem britischen Ex-Prinzen Andrew und der norwegischen Kronprinzessin Mette-Marit. Das bedeutet natürlich nicht, dass all diese Personen auch des Missbrauchs verdächtigt werden. Aber Musk beispielsweise fragte im November 2012 Epstein in einer Mail, wann auf dessen Insel „die wildeste Party“ stattfinden werde.
Auch als Epstein 2008 verurteilt worden war, gingen sie also weiter bei ihm ein und aus. So ergibt sich aus der Zusammenschau der Akten das Bild einer Elite, die meint, sich alles erlauben zu können. Bill Gates erklärte diese Woche: „Es war dumm von mir, Zeit mit ihm zu verbringen. Ich bin einer von vielen, die es bereuen, ihn jemals kennengelernt zu haben.“
In vielen Ländern laufen nun Untersuchungen. Vor allem in Norwegen beherrscht der Fall die Schlagzeilen (siehe unten). In Großbritannien dreht sich alles um den früheren Wirtschaftsminister Peter Mandelson. Weil Keir Starmer ihn dennoch zum US-Botschafter ernannte, wackelt nun sogar der Premierminister. In Polen kündigte Justizminister Waldemar Zurek an, er werde die Untersuchungen von Geheimdienst, Staatsanwaltschaft und Polizei leiten.
In Warschau blickt man vor allem auf mögliche Verbindungen Epsteins zum Kreml. Der polnische Regierungschef Donald Tusk sprach von einer möglichen „Honey Trap“, einer süßen Falle für die Eliten der westlichen Welt. Stefan Meister, Russland-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, sagt dazu, vieles sei zwar Spekulation, man könne aber feststellen, dass Epstein für den russischen Inlandsgeheimdienst FSB sehr interessant gewesen sei. Epstein habe Zugang zu allen wichtigen Personen der US-Elite gehabt.
Der prominenteste Name, der in den Epstein-Akten tausendfach auftaucht, ist der von Donald Trump. Bisher allerdings scheinen auch diese Enthüllungen an Trump abperlen. Einer der Gründe dafür: Viele seiner Anhänger beziehen ihre Informationen nur aus selektiven Quellen, in denen in erster Linie Epsteins Verbindungen zu demokratischen Politikern herausgestellt werden. Spekuliert wird sogar, dass Trump Anfang dieses Jahres ganz bewusst die Gefangennahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro eingeschoben haben könnte, um von einem neuen Schwung Epstein-Akten abzulenken. C. DRIESSEN