Blick in die dunklen Ecken der Statistik: Innenminister Alexander Dobrindt (m.), BKA-Präsident Holger Münch (l.) und Familienministerin Karin Prien (CDU). © Bernd Von Jutrczenka/dpa
Berlin – Die von der Polizei registrierten sexuellen Übergriffe auf Frauen in Deutschland bilden nur einen verschwindend kleinen Teil der verübten Gewalttaten ab. Das zeigen die Daten einer umfangreichen Studie im Auftrag der Bundesregierung. Demnach werden Frauen deutlich häufiger Opfer sexueller Übergriffe als Männer, bringen diese jedoch seltener zur Anzeige als männliche Opfer. Den Angaben zufolge wurden 1,5 Prozent der Frauen und 0,2 Prozent der Männer in den vergangenen fünf Jahren Opfer einer Vergewaltigung.
Die Anzeigequote weiblicher Opfer liegt bei diesen Taten, zu denen Vergewaltigungen und andere nicht einvernehmliche sexuelle Handlungen zählen, demnach bei drei Prozent. Männliche Opfer zeigen Übergriffe laut Studie in 14,5 Prozent der Fälle an. Auch fällt auf, dass ein nicht unerheblicher Anteil der Sexualdelikte, die Männer betreffen, auch von Männern verübt wird. Während bei gegen Frauen gerichteten sexuellen Übergriffen die Täter zu 98,2 Prozent männlich sind, ist bei 33,7 Prozent der gegen Männer gerichteten sexuellen Übergriffe auch der Täter ein Mann.
Die repräsentative Dunkelfeldstudie mit dem Titel „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag“ – für die zwischen Juli 2023 und Januar 2025 bundesweit 15 479 Menschen zwischen 16 und 85 Jahren befragt worden waren – beantwortet auch einige Fragen, die nicht Gegenstand der jährlich veröffentlichten Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) sind, da diese nur Delikte umfasst, die der Polizei bekanntgeworden sind.
Dunkelfeldstudien versuchen, das tatsächliche Ausmaß von Kriminalität aufzudecken, da nicht alle Taten zum Beispiel aus Scham oder Misstrauen angezeigt werden. Das Dunkelfeld sei riesig, sagt Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU). Er glaube nicht, dass der Hauptgrund für die niedrigen Anzeigequoten „eine Art Distanz zur Polizei“ sei. Die Anzeigequote sei zweifellos zu gering, sagt Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU). Häufig spiele hier auch ökonomische Abhängigkeit eine Rolle.
Blickt man auf die Gewalt zwischen Partnern oder Ex-Partnern, so zeigt sich: Etwa 90 Prozent der körperlichen Gewalt hat sich hier innerhalb der Partnerschaft ereignet. 8,4 Prozent der männlichen Betroffenen und 5,6 Prozent der weiblichen Betroffenen berichten von körperlicher Gewalt nach Beendigung der Beziehung. Dass diese jedoch häufig sehr gravierende Folgen haben kann – vor allem für Frauen, zeigt die Polizeistatistik. 2024 sind in Deutschland 308 Frauen und Mädchen gewaltsam getötet worden, 191 davon durch Partner, Ex-Partner oder andere Familienmitglieder.
Um Frauen künftig besser vor gewalttätigen Ex-Partnern zu schützen, hat das Bundeskabinett im November beschlossen, dass Familiengerichte die Täter künftig zum Tragen einer elektronischen Fußfessel verpflichten können sollen. Nähert sich der Täter – auch unwissentlich –, wird das Opfer über ein Empfangsgerät gewarnt. Auch die Polizei soll automatisch alarmiert werden, wenn sich ein Täter nähert. Demnächst steht die erste Beratung zu dem Vorhaben im Bundestag an.
Das von der Bundesregierung beauftragte Umfrageinstitut Verian hat auch Daten zu verschiedenen Formen sexueller Belästigung erhoben. Unerwünschte Kussversuche oder Berührungen sowie exhibitionistische Handlungen haben 14,5 Prozent der Frauen in den vergangenen fünf Jahren erlebt; bei Männern 4,6 Prozent.