„Nach dem Krieg werdet ihr uns brauchen“

von Redaktion

Wladimir Klitschko spricht am Rande der Siko zu Studenten über den Angriff auf sein Land – und die Zukunft

Boxer im Krieg: Wladimir und Vitali (r.) Klitschko. © dpa

München – Angesagt waren sie zu zweit, doch weil die Klitschko-Brüder längst viel mehr sind als Box-Stars, kann am Ende nur einer von ihnen, Wladimir, an die Technische Universität München kommen. Der andere, Vitali, entschuldigt sich per Videobotschaft aus der ukrainischen Hauptstadt Kiew, deren Bürgermeister er ist. Die Umstände erlaubten ihm nicht, wie geplant am Rande der Sicherheitskonferenz vor den Studenten zu sprechen. Es gibt Versorgungsprobleme nach russischen Angriffen.

Die ehemaligen Box-Weltmeister sind nach Präsident Wolodymyr Selenskyj die prominentesten politischen Gesichter des ukrainischen Abwehrkampfes. Vitali (54), der ältere der beiden Brüder, führt seit 2014 das Rathaus in Kiew. Wladimir, der jüngere, widmet sich heute vor allem der Unterstützung seines Landes im Krieg gegen Russland. Er reist viel, wirbt um Geld, um Waffen, um Hilfsmittel. Noch immer sieht der 49-Jährige aus, als könnte er morgen um einen Titel in den Ring steigen.

Wie es sich anfühlt, im Krieg zu sein, wird er gefragt. Man solle sich vorstellen, im 24. Stock eines Hochhauses zu sitzen, lautet seine Antwort. Kein Strom, keine Heizung, das Wasser in den Leitungen gefroren und Temperaturen von minus fünf, minus zehn Grad – im eigenen Wohnzimmer. „Du denkst nie an das, was du hast, bis du es nicht mehr hast“, sagt Klitschko den Studenten. „Die meisten von euch sind in einer Demokratie geboren.“

Er erinnere sich genau an die ersten Stunden der russischen Invasion, erzählt Klitschko. Zweieinhalb Tage habe er nicht geschlafen. Mit der Waffe in der Hand habe er geträumt. Darüber nachgedacht, was er überhaupt hier in Kiew mache. Er habe Menschen sterben gesehen und gewusst, dass auch er an der Reihe wäre, sollten die Russen die Stadt einnehmen. Doch am Ende habe seine Moral entschieden, zu bleiben. Er spricht über Korruption in seinem Land („schändlich“) und von Russland verschleppte Kinder, die ihre Mutter das letzte Mal gesehen haben, als sie gefesselt war. Gleichzeitig wirkt er nie bitter.

Doch wie kann der Krieg enden? Für detaillierte Ausführungen fehlt die Zeit. Doch klar wird, dass er nicht glaubt, dass Sicherheitsgarantien alleine der Ukraine Sicherheit bringen. Mit den Waffen, die sein Land in den 90er-Jahren freiwillig abgegeben hat, werde es heute bombardiert. Wer nur Garantien habe, könne „nicht alleine stehen“. Deals zählten nicht. Er sei der US-Regierung von Donald Trump dankbar, dass sie auch Europa klargemacht habe, dass es alleine stehen müsse, sagt Klitschko. Und bestärkt den Willen, der EU beizutreten. „Nach dem Krieg werdet ihr uns brauchen“, sagt Klitschko.SEBASTIAN HORSCH

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