WIE ICH ES SEHE

Sankt Valentin im KI-Zeitalter

von Redaktion

Heute ist Sankt Valentin. Das ist der Tag, an dem die Liebenden sich Liebesgrüße schicken und kleine Geschenke austauschen. Den Ursprung bildet die Legende vom heiligen Valentin, den der römische Kaiser Claudius II. ins Gefängnis sperren ließ, weil er heimlich junge Paare getraut hatte.

Aber nicht nur Frischverliebte, auch gestandene Paare überraschen sich am 14. Februar mit Blumen oder Geschenken bis hin zur Liebesanzeige in der Lokalzeitung: „Liebster Schatz“, so heißt es da, „wir leben, um uns zu lieben!“

Bisher wurden Liebesbeziehungen auch durch das Internet gefördert. Das umständliche „Liebesbillet“ kennen wir nur noch aus der Oper, wie die vertauschten Liebesbriefe. Stattdessen gibt es die Kurznachricht vom Handy. Die sogenannten „Dating-Portale“ haben schon viele junge Paare, die gut zusammenpassen, zusammengebracht und ihre Liebe gefördert.

Die Einführung der Künstlichen Intelligenz (KI) aber hat alles verändert. Plötzlich ist das Netz zum Liebeskiller geworden, das echte Liebesbeziehungen durch bloß virtuelle ersetzt. Das geschieht durch Plattformen wie „Replica“ oder „Character AI“ mit digitalen Robotern („Chatbots“), die wir selber so gestalten können, wie sie uns gefallen, um eine erotische Beziehung zu ihnen herzustellen. Zum Valentinstag herrscht Hochbetrieb auf solchen Plattformen, wenn Valentina ihren KI-Liebhaber sucht oder Valentino seiner digitalen Freundin eine Traumfigur und Bewegungen verleiht, um eine romantische Liebesbeziehung mit ihr zu entwickeln.

Sich im Netz einen Idealpartner zu schaffen, das haben nach einer Untersuchung in den USA schon 31 Prozent der jungen Männer und 23 Prozent der jungen Frauen versucht. Aber ältere Paare wissen, auch der beste, natürlich lebende Valentino und jede Valentina haben doch ihre kleinen Schwächen. Statt zartem Liebesgeflüster geben sie Widerworte und lassen auch mal Strümpfe auf dem Esstisch liegen – alles Eigenschaften, die der künstlich geschaffene AI-Freund niemals lernen wird. Dafür bietet er mir, was ich gerade möchte, auch Gespräche mit einem erotischen, belebenden Inhalt, jederzeit und nicht nur, wenn er gerade in „Stimmung“ ist.

Den real gelebten Valentin-Kult gibt es nun schon seit fast 2000 Jahren, aber zum ersten Mal könnte es sein, dass die KI-Liebesverhältnisse ihn eines nicht zu fernen Tages zu Ende bringen. Das wäre zugleich das Ende der Liebeswelt und der Menschheit überhaupt, nicht durch einen furchtbaren Atomschlag oder den großen Big Bang eines Kometeneinschlages, sondern ganz leise durch das Wispern eines KI-Liebhabers.

So weit wird es hoffentlich nicht kommen, denn reale Menschen werden am Ende doch immer reale Liebesbeziehungen vorziehen.

Wie groß die Kraft echter Liebe ist, ganz ohne Internet und künstliche Intelligenz, davon hat der Wandsbeker Pfarrer Matthias Claudius gedichtet: „Die Liebe hemmet nichts, sie kennt nicht Tür noch Riegel und dringt durch alles sich. Sie ist ohn´ Anbeginn, schlug ewig ihre Flügel und schlägt sie ewiglich.““

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