KOMMENTARE

Europa braucht jetzt Pragmatismus

von Redaktion

Rubio-Rede bei der Siko

Gibt es das, Applaus im Affekt? Falls nicht, müsste man sich ernsthaft fragen, was in all jene gefahren war, die Marco Rubios Siko-Rede so frenetisch beklatschten. Denn der US-Außenminister, der als einer der Zahmen in Trumps wilder Horde gilt, hatte kein Versöhnungsangebot im Gepäck, sondern ein freundlich formuliertes Diktat: Werdet wie MAGA, rief er den Europäern zu, oder Ihr könnt unsere Partnerschaft vergessen.

So irritierend das Klatschen, so hart war die Botschaft. Rubios Rede zeigt einmal mehr, wie schlecht es um das transatlantische Verhältnis steht. Nicht in jedem Detail lag er falsch, aber sein Abgesang auf die regelbasierte Ordnung („überstrapaziert“) muss auch den letzten Transatlantik-Romantiker wachgerüttelt haben. Die Werte-Einheit des Westens war mal, ihr nachzutrauern, ist sinnlos. Kanadas Premier Mark Carney sagte in Davos sehr treffend: „Nostalgie ist keine Strategie“.

Also Rücken gerade, Blick nach vorne. In München, das ist die gute Nachricht, waren Ansätze davon zu erkennen. Merz und Macron teilten sich die Aufgabe, Europa Rückgrat und Richtung zu geben. Während der Franzose den Kontinent aufforderte, sich und seine Leistung nicht ständig selbst kleinzureden, sondern ein neues selbstbewusstes „Mindset“ zu entwickeln, erteilte der Kanzler der MAGA-Werdung Europas eine sehr klare Absage. Gut so!

All das heißt nicht, Washington zum Gegner zu erklären. Dazu sind die Abhängigkeiten noch zu groß und die gemeinsame Geschichte zu lang. Es heißt, die alte Freundschaft in einen neuen Pragmatismus zu überführen, bei dem Meinungsunterschiede klar benannt werden. Dass Europa vielleicht schon weiter ist, als es glaubt, zeigte der Streit um Grönland, bei dem Trump hoch pokerte und schließlich – ohne ersichtlichen Gewinn – einlenkte. Und vergessen wir nicht: Die Ukraine stützen wir in ihrem Freiheitskampf inzwischen (fast) allein.

Das ist schon was, und Europa sollte sich diese Ansätze von Eigenständigkeit nicht kaputtreden lassen. Nicht von der Untergangs-Prophetie aus MAGA-Land, der sich die AfD und andere allzu gerne hingeben, noch von Lockangeboten aus China, das in München den Anwalt des Multilateralismus spielte. Peking sucht keine Partner, sondern Vasallen. Aber auch das ist kein Geheimnis.

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