Gouverneur Gavin Newsom bei Friedrich Merz. © Kugler/dpa
Bye bye Europa? US-Außenminister Marco Rubio steigt in München in den Flieger. © Alex Brandon/AFP
München – So klingt das also, wenn Anspannung schlagartig abfällt. „Ich weiß nicht, ob Sie das erleichterte Seufzen im Saal gehört haben“, sagt Wolfgang Ischinger, während der, dem die Frage gilt, sich unter stehendem Applaus in seinen Sessel fallen lässt. Es ist noch früh am Morgen, Tag zwei der Münchner Sicherheitskonferenz, der US-Außenminister hat gerade gesprochen. Was die Anwesenden da beklatschen, ist die Tatsache, dass Marco Rubio insgesamt ganz nett zu ihnen war.
Das ist nicht viel, aber es ist auch nicht nichts. Niemand hatte ernsthaft erwartet, dass nach Rubios Rede wieder alles gut sein würde im transatlantischen Verhältnis. Dass Trumps Grönland-Drohungen, seine Zoll-Spielchen oder Vances aggressive Vorjahres-Abrechnung mit den alten Partnern vergessen sein würden. Was man aber erwartet hatte: etwas Respekt, Freundlichkeit. Rubio tut den Anwesenden den Gefallen.
Washington wünsche sich ein „starkes Europa“, eines, das sich selbst verteidigen könne. Das Schicksal des Kontinents werde für die USA „nie irrelevant sein“, sagt der Minister und schiebt dann einen Satz nach, über den man sich fast noch mehr wundert: „Das Ende der transatlantischen Beziehungen ist weder unser Ziel noch unser Wunsch.“ Aber auch Romantiker im Raum wissen, dass es nicht die alten Beziehungen sind, die Rubio retten möchte. Er will neue formen. Und zwar nach Trumpscher Prägung.
Seine ganze Rede über bewegt sich der Minister auf diesem Grat zwischen freundlicher Hinwendung zu und fordernder Abgrenzung von Europa. Immer wieder verweist er auf die gemeinsame Geschichte. Einmal sagt er fast pathetisch: „Wir werden immer ein Kind Europas sein.“ Aber er bezieht sich damit auf die ferne Vergangenheit. Das heutige Europa ist für ihn fehlerhaft und gefährdet. Er sieht es in einem Überlebenskampf.
In diesen Momenten fragt man sich dann doch, warum das Publikum im Bayerischen Hof so ausgelassen klatscht. Rubios Botschaft ist genauso radikal wie die von JD Vance, er verpackt sie nur höflicher. Und selbst das nicht an jeder Stelle. Dem Westen unterstellt er „Klimakult“, „Massenmigration“ und eine bewusst herbeigeführte Deindustrialisierung. Die USA seien unter Trump dabei, diese „Fehler“ zu korrigieren. Mehr oder weniger unverhohlen fordert er von Europa, dem zu folgen, sonst war es das mit der Freundschaft. Echte Wertschätzung klingt anders.
Wie groß die Distanz inzwischen ist, war schon am Freitag zu spüren. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte den USA in einer bemerkenswerten Rede eine klare Ansage gemacht: Führt euren MAGA-Kampf alleine und akzeptiert, dass auch ihr Partner braucht. Europa riet er, sich aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien. Rubio geht nicht direkt darauf ein, als er spricht, ist der Kanzler nicht mal im Saal. Beide trafen sich schon am Freitag.
Die alten USA kehren nicht zurück. Neben Merz beschwören deshalb auch andere Staats- und Regierungschefs – mal wieder – Eigenständigkeit. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron fordert ein neues Selbstbewusstsein, der britische Premier Keir Starmer nennt Europa einen „schlafenden Riesen“. Die Frage, die niemand so richtig beantwortet, ist aber die: Wann rafft er sich endlich auf, der Riese?
Dass auch die US-Demokraten, die zahlreich nach München gereist sind, auf eine Antwort pochen, weiß man schon lange. Da ist etwa Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom, einer der Hoffnungsträger der Partei. Vor Wochen nannte er die Europäer wegen ihrer Trump-Schmeicheleien „erbärmlich“, bei der Siko lobt er die Rede des Kanzlers. Oder Alexandria Ocasio-Cortez, Kongressabgeordnete und Popstar des linken Amerika, die forsch die Anti-Trump gibt. Sie und andere seien mit einer Botschaft nach München gekommen, sagt sie bei einem Auftritt: Die Demokraten seien bereit für ein nächstes Kapitel: kein Isolationismus, sondern vertiefte Partnerschaft.
Newsom sieht das offenbar ähnlich: „Donald Trump ist vorübergehend“, sagt er bei einer Gelegenheit. „Er wird in drei Jahren weg sein.“ Vielleicht. Aber der Rubio-Auftritt zeigt: MAGA bleibt.