Wer wird der nächste Mitgliedstaat? Insgesamt gibt es neun Beitrittskandidaten – auch Kosovo hat den Status beantragt, aber noch nicht erhalten. © dpa
München – Es ist ein ehrgeiziges Ziel: Bis 2027 will die Ukraine der Europäischen Union beitreten. Präsident Wolodymyr Selenskyj bezeichnet die Mitgliedschaft als „Sicherheitsgarantie“ – denn Artikel 42 des EU-Vertrags sieht gegenseitigen Beistand im Fall eines militärischen Angriffs vor. „Ich will ein genaues Datum“, fordert er nun.
Der Zeitplan ist extrem eng. Die Beitrittsgespräche laufen seit Juni 2024, und bislang wurde noch kein einziges Verhandlungskapitel eröffnet. Zuletzt hatten mehrere Korruptionsskandale das kriegsgeplagte Land erschüttert. Dazu kommt: Ein Beitritt erfordert die Einstimmigkeit aller EU-Mitgliedstaaten. Hier blockiert Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán.
Normalerweise dauern Beitrittsprozesse viele Jahre, manchmal Jahrzehnte. Andere Kandidaten warten deutlich länger – obwohl sie in ihren Reformen zum Teil schneller vorankommen. Ein Überblick.
Moldau: Gemeinsam mit der Ukraine erhielt auch die Republik Moldau den Kandidatenstatus. Der kleine Staat zwischen der Ukraine und Rumänien gilt als einer der ärmsten Europas und steht unter enormem Druck aus Moskau. Trotzdem schneidet der Ex-Sowjetstaat im Vergleich gut ab: Brüssel hat bereits zahlreiche Reformpläne gebilligt. Rückenwind brachte auch der proeuropäische Wahlsieg im Herbst. Präsidentin Maia Sandu strebt einen Beitritt bis 2030 an.
Georgien: Die Verhandlungen mit dem südkaukasischen Staat liegen auf Eis. EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas bezeichnete Georgien als ein Land, das „nur noch dem Namen nach Beitrittskandidat“ sei. Dabei hat es den Status erst Ende 2023 erhalten. Doch die kremlnahe Regierungspartei Georgischer Traum torpediert den Kurs nach Brüssel – etwa durch die Verfolgung von Kritikern, Oppositionellen und Journalisten. Viele EU-Länder drängen auf Sanktionen gegen Behörden und Richter, doch auch hier blockiert Ungarn.
Serbien: Auch die Gespräche mit Serbien stocken – sie laufen bereits seit 2014. Seit mehr als einem Jahr protestieren Bürger massenhaft gegen ihre Regierung. Präsident Aleksandar Vucic geht zunehmend hart gegen Demonstranten vor und treibt das Land weiter in Richtung Autokratie. Die EU hält sich mit deutlicher Kritik zurück, kritisiert jedoch Belgrads russlandfreundlichen Kurs.
Albanien: Das Land am südwestlichen Balkan ist bereits seit 2014 EU-Kandidat, hat aber erst mit dem Ukraine-Krieg spürbar Fahrt im Beitrittsprozess aufgenommen. EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos lobte zuletzt „beispiellose Fortschritte“ – darunter Justizreformen sowie ein schärferes Vorgehen gegen organisierte Kriminalität und Korruption. Das 2,4-Millionen-Einwohner-Land will die Verhandlungen bis 2027 abschließen. In Brüssel gilt das als realistisch.
Montenegro: Der Musterschüler unter den Kandidaten. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bezeichnete das 600 000-Einwohner-Land als „Spitzenreiter“ im Beitrittsprozess. Nach Jahren geprägt von Bandenkriegen, Drogenkartellen und Geldwäsche geht Montenegro konsequent gegen Korruption vor. In der Rangliste der Pressefreiheit kletterte das Land seit 2020 vom 105. auf den 37. Platz. Ein Beitritt 2028 gilt als realistisch.
Nordmazedonien: Völlig eingeschlafen sind die Gespräche mit Nordmazedonien. Der Balkan-Staat ist seit 2005 Beitrittskandidat. Die Verhandlungen wurden 2022 formal eröffnet – kommen aber faktisch nicht voran, vor allem wegen eines Streits mit Bulgarien.
Bosnien und Herzegowina: Das Land steckt in einer politischen Dauerkrise. Auch mehr als 30 Jahre nach dem Bosnien-Krieg ist die Republik noch tief gespalten. Zwar gab es Anfang 2024 grünes Licht für Beitrittsverhandlungen, doch begonnen haben sie bis heute nicht.
Türkei: Die Türkei ist der Dauerkandidat. Seit 2005 laufen die Verhandlungen – doch seit 2018 herrscht faktisch Stillstand. Dennoch stellte Außenminister Johann Wadephul zuletzt einen neuen Anlauf in Aussicht: Ankara habe sich im Ukraine- und im Gazakrieg zu einem zentralen Partner der EU entwickelt.