Paris – „Mein Leben war nur noch eine nicht enden wollende Nacht.“ So beschreibt die Französin Gisèle Pelicot ihre Verzweiflung im Angesicht der Abgründe ihres Mannes, der sie über Jahre hinweg betäubte, vergewaltigte und Fremden zur Vergewaltigung anbot. Monatelang stand sie in Südfrankreich 51 Peinigern vor Gericht gegenüber, musste über sich ergehen lassen, wie ihre Glaubwürdigkeit infrage gestellt und intimste Details ihres Lebens verhandelt wurden.
Nun ergreift die 73-Jährige mit ihren Memoiren „Eine Hymne an das Leben“ ausführlich selbst das Wort, beschreibt die Angst vor einem Sturz ins Bodenlose und den mühsamen Kampf zurück in eine Normalität und weg vom Bild des ewigen Opfers.
Als Gisèle Pelicot auf einer Polizeiwache in Carpentras im Herbst 2020 erstmals erfährt, was ihr Mann Dominique ihr angetan hat, kann sie sich selbst auf den Fotos, die der Kommissar ihr vorlegt, nicht erkennen. „Ich bin mir meines, unseres Glücks sicher. Bald fünfzig Jahre verheiratet, und die Erinnerung an unsere erste Begegnung noch ganz klar.“ Doch der vermeintlich so vertraute Mann kommt von der Wache nie wieder nach Hause. Und während die Ereignisse über sie hereinbrechen, denkt Pelicot: „Es konnte einfach nicht sein.“
Schnell packen die herbeigeeilten Kinder und sie Pelicots Leben im Örtchen Mazan in wenige Koffer. Vieles landet auf der Müllhalde, manches zerstört die Tochter in ihrer Wut. Und plötzlich steht Gisèle Pelicot am Pariser Gare de Lyon, ohne zu wissen, was sie dort sucht. „Meine Kinder kehrten in ihre Leben zurück, doch ich hatte keines mehr.“
Behutsam und dennoch eindrücklich erzählt Pelicot gemeinsam mit der Journalistin und Autorin Judith Perrignon ihre Lebensgeschichte. Vom Aufwachsen in Reutlingen, dem oft abwesenden Soldatenvater, dem frühen Tod der Mutter und dem Kennenlernen ihres späteren Mannes. Pelicot gewährt tiefe Einblicke, wenn sie von Geldnöten oder Affären berichtet, doch nun ist sie diejenige, die das Narrativ bestimmt. Auf 256 Seiten beschreibt Pelicot im Piper Verlag, wie die kaum fassbaren Taten ihres Mannes die Familie auseinandertreiben lassen. Gleichzeitig erzählt sie beinahe poetisch vom blühenden Oleander, vom Versuch, sich auf der französischen Île de Ré eine neue Normalität zu schaffen, und davon, wie sie sich nach all den Härten wieder verliebt.
Immer wieder klingt in Pelicots Memoiren die schwierige Gleichzeitigkeit der Dinge an. „Ich war auch glücklich gewesen, ganz bestimmt. Ich war nicht nur ein Opfer“, schreibt sie etwa und erzählt: „Ich zerteilte Dominique in zwei Hälften, so wie ich mich vom vergewaltigten Körper dissoziierte.“
Während die Taten in der französischen Lokalpresse schon seit Längerem Schlagzeilen machen, wird die Welt erst mit Beginn des Prozesses gegen ihn und 50 Mitangeklagte auf das aufmerksam, was diese Männer Gisèle Pelicot angetan haben. Eigentlich hatte Pelicot ihr Leid nicht zur Schau stellen wollen. Doch mehrere Monate vor Prozessbeginn fragt sie sich, ob die verschlossenen Türen nicht vielmehr die Täter schützen als sie. Im ungewöhnlichen Schritt entschied Pelicot sich, den Prozess öffentlich führen zu lassen. R. SOMMER