Vom Merz-Fan zum Mahner

von Redaktion

JU-Chef Winkel (34, re.) war mal großer Fan des Kanzlers. Inzwischen ist das Verhältnis abgekühlt. © Roessler/dpa

München – Saarbrücken, 2019: Beim Deutschlandtag der Jungen Union (JU) schlängelt sich ein Delegierter durch die Sitzreihen und verteilt Schilder mit der Aufschrift „Mehr Sauerland für Deutschland“. Er hat sie selbst entworfen, bestellt und bezahlt. Johannes Winkel glaubt fest daran: Friedrich Merz, der Mann aus dem Sauerland, ist der Kanzler, den Deutschland braucht.

Jahrelang setzte Winkel große Hoffnungen in Merz, warb innerhalb der JU für ihn. Dem „Spiegel“ erzählt er, Merz habe ihn deshalb 2020 sogar zu sich nach Hause ins Sauerland eingeladen. „Es ging um ein Kennenlernen, aber auch um Ideen für seine Kandidatur“, sagt der heute 34-Jährige. „Wir hatten immer einen guten Draht.“

Nun ist Merz tatsächlich Bundeskanzler – und mit dem Regierungsalltag kühlt das Verhältnis zum Parteinachwuchs merklich ab. In der Jungen Union, die Winkel seit 2022 führt, wächst die Ernüchterung über die Kompromisse mit dem Koalitionspartner SPD, besonders in der Sozialpolitik. Viele sehen von der angekündigten Rückkehr zu „CDU pur“ nur wenig umgesetzt. Konrad Körner, CSU-Abgeordneter und JU-Mitglied, sieht die Schuld dafür nicht bei Merz: „Wenn der Kanzler allein auf der Welt wäre, würde er sicherlich das umsetzen, was wir fordern.“ Die JU sehe sich grundsätzlich mit Merz auf einer Linie, sagt er unserer Zeitung.

Im Herbst 2025 bricht dennoch ein offener Konflikt aus. Beim Rentenpaket der schwarz-roten Koalition stellt sich Winkel gemeinsam mit Pascal Reddig an die Spitze einer Gruppe von 18 jungen Unionsabgeordneten, die dem Vorhaben aus Gründen der Generationengerechtigkeit die Zustimmung verweigern wollen. Merz droht eine Meuterei des eigenen Parteinachwuchses. Das Gesetz passiert den Bundestag am Ende zwar mit Kanzlermehrheit, aber die Episode zeigt: Die Unionsjugend ist bereit, politischen Druck auf ihren Kanzler auszuüben. Unter Winkel hat sich die JU zu einem ernst zu nehmenden Machtzentrum entwickelt. Spätestens seit dem Rentenstreit positionieren sich der 34-Jährige und seine Organisation regelmäßig mit Reformvorschlägen zum Sozialstaat.

Die Vorstöße erlauben es Winkel, sich als entschlossene Stimme einer neuen konservativen Generation zu profilieren. Kritik bleibt dabei nicht aus: Anja Piel, Vorstandsmitglied der Deutschen Rentenversicherung, wirft der JU vor, sie wolle „unsere Gesellschaft auseinandertreiben“. Doch Winkel konnte sich mit seinen Reformforderungen bundesweit einen Namen machen – obwohl er erst seit Februar 2025 für den Wahlkreis Düsseldorf II im Parlament sitzt.

Er selbst bezeichnet sich als politischen „Spätzünder“. Zwar kann Winkel in vielerlei Hinsicht den Paradelebenslauf eines Konservativen aus Nordrhein-Westfalen vorlegen – katholisches Elternhaus, Messdiener, Jurastudium. Doch erst mit 19 Jahren, für CDU-Verhältnisse vergleichsweise spät, trat er der Jungen Union bei. Sein Ehrgeiz ließ ihn schnell aufsteigen: 2020 wurde er Vorsitzender des nordrhein-westfälischen Landesverbands, 2022 wählten ihn schließlich 87 Prozent der Delegierten auf dem Deutschlandtag zum Bundesvorsitzenden.

Inhaltlich teilt Winkel viele Positionen mit Merz, fordert aber mehr Initiative vom Kanzler. In einem Gastbeitrag für die „FAZ“ erläutert der JU-Chef, wie man in Zeiten zunehmender Polarisierung Wahlen gewinnt: Siegen könne nur, wer „aus der lähmenden Mutlosigkeit ausbricht“. Die CDU müsse Reformpartei werden. Spätestens im Sommer, wenn die Rentenkommission ihre Vorschläge vorlegt, wird sich zeigen, ob der Kanzler reagiert. Winkel dürfte ein Weiter-so jedenfalls nicht konsequenzlos hinnehmen.

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