Erst vor wenigen Tagen traf Merz in München mit Chinas Außenminister Wang Yi zusammen. © CHROMORANG/PA
Berlin/Peking – Es ist eine Reise mit viel Brisanz – zu einem Partner und Rivalen. Zum ersten Mal in seiner Amtszeit besucht Bundeskanzler Friedrich Merz ab Dienstag China. Die Volksrepublik ist ein überragend wichtiger Markt für deutsche Unternehmen, die zugleich aber zunehmend Hemmnisse beklagen.
China ist neben den USA Deutschlands wichtigster Handelspartner, gemessen am Außenhandelsumsatz. Doch das Handelsdefizit ist groß. Wie eine Auswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt, haben die Importe aus China 2025 den Wert der dorthin exportierten Waren um rund 90 Milliarden Euro übertroffen. Das Handelsbilanzdefizit stieg gegenüber dem Vorjahr um gut ein Drittel. Die Ausfuhren brachen um fast zehn Prozent ein.
IW-Experte Jürgen Matthes spricht von einem „China-Schock“. „Mit den stark steigenden Einfuhren aus China nimmt auch der Konkurrenzdruck durch chinesische Waren hierzulande weiter kräftig zu.“ Die Industrie- und Handelskammer (DIHK) klagt, chinesische Anbieter hätten sich zu „ernst zu nehmenden Konkurrenten“ in Kernbranchen der deutschen Industrie entwickelt. Deutschland importiert vorwiegend elektronische Geräte wie Computer und Smartphones, daneben Batterien, Maschinen, Textilien sowie chemische Erzeugnisse.
Für deutsche Firmen bleibt die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ein wichtiger Standort. Autobauer verlagern seit der Corona-Pandemie ihre Forschung und Entwicklung nach China, um mit der Geschwindigkeit im heiß umkämpften Automarkt mithalten zu können. 2025 investierten deutsche Firmen rund sieben Milliarden Euro neu in der Volksrepublik – deutlich mehr als in den Vorjahren.
China baue seine Position auf den Weltmärkten in zahlreichen Branchen deutlich aus, sagt DIHK-Präsident Peter Adrian. „Für deutsche Unternehmen ergeben sich daraus Chancen, etwa durch den starken technologischen Fortschritt und die Innovationskraft vor Ort. Dem stehen jedoch wachsende Risiken gegenüber, etwa durch staatliche Eingriffe und ungleiche Wettbewerbsbedingungen.“
China dominiert laut DIHK mit über 90 Prozent die weltweite Verarbeitung von Seltenen Erden. Die Rohstoffe sind essenziell für Smartphones, Laptops, Windrad-Turbinen oder Elektromotoren. Seit April 2025 beschränkt Peking ihren Export. Deutsche Firmen müssen aufwendige Genehmigungsverfahren durchlaufen und erhalten meist nur so viel, wie sie benötigen, ohne Lagerbestände aufbauen zu können. Es drohten Produktionsstopps.
Das Thema dürfte einer der zentralen Punkte der Merz-Reise sein. Am Mittwoch wird der Kanzler in Peking von Ministerpräsident Li Qiang mit militärischen Ehren empfangen. Im Anschluss ist ein gemeinsames Mittagessen vorgesehen, für den Nachmittag dann ein Vier-Augen-Gespräch mit Staatspräsident Xi Jinping.
Mehr Unabhängigkeit – das war auch Kern der China-Strategie der Ampel-Regierung von 2023. Der Begriff dafür lautet: De-Risking. In der Strategie wird China als Partner, Wettbewerber und systemischer Rivale bezeichnet. „Die in der China-Strategie der vorigen Bundesregierung stark priorisierte De-Risking-Strategie funktioniert nicht, wie sie sollte“, sagte IW-Experte Matthes. So gebe es hohe deutsche Importabhängigkeiten von China. Das Beispiel Seltene Erden zeige, dass zu viele Unternehmen „fahrlässig“ mit kritischen Importabhängigkeiten umgingen.
Merz dämpft vor der Reise schon mal die Erwartungen. Gleiches gilt für Forderungen von Menschenrechtlern, er solle die Verhältnisse in China ansprechen. „Machen wir uns bitte auch keine Illusionen“, sagte Merz beim CDU-Parteitag. China erhebe den Anspruch, „eine neue multilaterale Ordnung nach eigenen Regeln zu definieren“. Meinungs-, Religions- und Pressefreiheit kämen „in diesem Verständnis nicht vor“.