Bundeskanzler Friedrich Merz beim „Café Kyiv“. © dpa
München – Es mag überspitzt klingen, aber die Rede Wolodymyr Selenskyjs bei der Münchner Sicherheitskonferenz war auch eine Rede gegen das Vergessen. Der US-Außenminister hatte zuvor kaum ein Wort über die Ukraine verloren, die Europäer beschäftigten sich zuvorderst mit sich selbst. Der ukrainische Präsident funkte bewusst dazwischen, bat um weitere Hilfe – und stellte eine simple Frage: „Können Sie sich Putin ohne Krieg vorstellen? Seien Sie ehrlich.“
Der Kreml-Chef, so die Botschaft, will diesen Krieg, den er heute vor genau vier Jahren befahl, nach wie vor. Zwar gibt es inzwischen, von den USA vermittelt, Gespräche über einen Waffenstillstand. An der Ernsthaftigkeit der russischen Seite bestehen aber größte Zweifel. Putin lässt die Ukraine unerbittlich weiter bombardieren, von seinen Maximalforderungen lässt er nicht ab.
Dabei ist die Lage an der Front auch aus russischer Perspektive eher mau. Was als kurze „militärische Spezialoperation“ gedacht war, dauert nun schon länger als der Kampf gegen die Nazis. Und trotzdem nähert sich Moskau, militärisch gesehen, nicht mal seinem Minimalziel: der Eroberung des gesamten Donbass. Zwar hält die Ukraine nur noch rund zehn Prozent der Region im Osten des Landes. Doch mit dem festungsartig ausgebauten Städtegürtel von Kostjantyniwka über Druschkiwka und Kramatorsk nach Slowjansk hat ihre Armee weiter gut befestigte Verteidigungsstellungen in ihrer Hand.
Die Situation ist komplex: Der Ukraine fehlen die Mittel für eine echte Gegenoffensive. Sie hält aber, auch dank gut befestigter Verteidigungslinien und ausgefeilter Drohnenfertigkeiten, dem russischen Druck stand. Moskau wiederum hat sich spürbar verhoben. Die Wirtschaft gerät immer mehr unter Druck, militärisch geht es nur schleppend voran. Bleibt es etwa im Donbass beim jetzigen Eroberungstempo, dann gehen Analysten von bis zu zwei weiteren Jahren verlustreicher Kämpfe aus. Nicht zuletzt deswegen verlangt Moskau von Kiew einen freiwilligen Rückzug aus den Gebieten, US-Präsident Donald Trump soll auch schon darauf gedrängt haben.
In Kiew weiß man derweil längst, auf wen man sich verlassen kann. Botschafter Oleksii Makeiev würdigte gestern die Führungsrolle Deutschlands bei der Unterstützung seines Landes. Bundeskanzler Friedrich Merz betonte bei einer Veranstaltung des Berliner Diskussionsforums Café Kyiv, Deutschland stehe „unverbrüchlich“ an der Seite der Ukraine. Der Druck auf Russland müsse noch weiter wachsen. Denn der Krieg ende nur dann, „wenn Russland mit keinen territorialen Geländegewinnen mehr rechnen kann, wenn Russlands Kosten für diesen Wahnsinn einfach zu hoch geworden sind“.
Es ist ein Standpunkt, auf den sich zu Beginn des fünften Kriegsjahres die meisten in Europa einigen können. Ungarn, das erneut Hilfen für Kiew blockiert, und die Slowakei bilden die Ausnahme. Selenskyj stellt seinerseits einmal mehr klar, dass eine Lösung nicht an ihm scheitert. „Meine Botschaft an Putin ist einfach“, sagte er in einem Interview mit der ARD: „Ich bin zu einem Treffen bereit. Wir müssen den Krieg beenden. Punkt.“ Putin sieht das offenbar noch anders.