Russischer Soldat beim Start einer Drohne. © dpa
Im Ukraine-Krieg hat die Verwendung des US-Kommunikationssystems Starlink für Aufregung gesorgt: Russische Geländegewinne wurden auf die Verwendung von Elon Musks Satellitensystem zurückgeführt, um ihre Drohnen ins Ziel zu steuern. Laut „Economist“ war es ein Wendepunkt für Musk (kl. Foto), um Starlink für Russland zu sperren. Andreas Knopp, Professor für Satellitenkommunikation an der Universität der Bundeswehr, erklärt die militärische Bedeutung.
Wie funktioniert Starlink?
Mit Starlink bauen Sie ein Mobilfunktelefonnetz aus dem Weltraum auf. Statt Basisstationen auf irgendein Hausdach zu stellen, haben sie Satelliten, die permanent Verbindungen zu Endgeräten am Boden aufbauen. Damit können sie mit sehr kurzer Verzögerung große Datenmengen übertragen. Das System ist ursprünglich für Regionen entwickelt worden, wo es keine Mobilfunkabdeckung gibt, etwa auf offenem Meer.
Wie wird das System in der Ukraine eingesetzt?
In der Ukraine hat es eine besondere Bedeutung bekommen, entweder weil die Infrastruktur oder auch die Energieversorgung durch russische Angriffe zerstört ist, oder weil man Kommunikation betreiben will, die nicht so leicht gestört werden kann. Und man kann damit auch Waffensysteme, etwa Drohnen, steuern.
Wieso steuert auch Russland Drohnen mit Starlink?
Grundsätzlich kann sich jeder so ein Starlink-Terminal im Internet bestellen. Wenn Sie dann einen zugehörigen Vertrag haben, dann wird der Service funktionieren. Die Russen haben verstanden, dass es im Moment keine Alternative zu Starlink gibt – und dann haben sie vermutlich einfach Geräte gekauft und genutzt. Da das Terminal aber seine Position bekanntgibt, weiß man zumindest, wenn ein System im Kriegsgebiet aktiv ist. Zuletzt soll Starlink im Kampfgebiet den russischen Terminals die Nutzung verweigert haben.
Sind die jüngsten ukrainischen Rückeroberungen darauf zurückzuführen?
Für die Ukraine ist in diesem doch sehr technologischen Krieg Kommunikation, die Fähigkeit, Bilder zu übermitteln und unbemannte Systeme zu steuern, entscheidend. Ob die jüngsten Rückeroberungen damit zusammenhängen? Das wurde zuerst behauptet, dann wieder dementiert.
Arbeitet Russland an einem eigenen Satelliten-System?
Ich glaube nicht, dass Russland da momentan technologisch anschlussfähig ist, ihnen fehlen die nötigen Raumtransportmöglichkeiten. Es ist der große Vorteil von Elon Musk, dass er eine sehr leistungsfähige Rakete hat, die im Wochenrhythmus viele Satelliten hochschießen kann, die sie brauchen, um so ein System aufzubauen. Aber China arbeitet bereits an einem Konkurrenzsystem.
Lässt sich Starlink stören?
Starlink braucht zwingend Navigationsinformationen, die können gestört werden. Da hat Starlink jetzt schon zum besseren Schutz ein Update eingespielt. Sie können auch ganz gezielt mit gerichteten Antennen auf den Nutzer strahlen, das wird in der Ukraine intensiv gemacht. Dagegen schützt man sich dann durch bauliche Hindernisse oder Metallwände usw. Es gibt ein permanentes Wettrüsten zwischen Stören und Gegenmaßnahmen.
Entscheidet Musk allein über einen Zugang?
Der Eigentümer des Netzes kann ungewollte Nutzer natürlich auch aus dem Netz nehmen, insofern hat Starlink und damit auch Musk schon die Hand auf dem System. Rein unternehmerisch würde sich nur die Frage stellen, warum jemand aus dem Netz genommen werden soll, der die Rechnung bezahlt. Insofern ist davon auszugehen, dass hier auch politisch gesteuert wird. Aber inwiefern Musk sich vom US-Präsidenten Trump steuern lässt, das ist spekulativ, das überlasse ich anderen.
Das klingt nach der Macht eines Bond-Bösewichts…
Wenn ein Unternehmer mit seinen Entscheidungen auch Kriegsteilnehmer wird, ist das aus Sicht so ziemlich aller namhaften Expertinnen und Experten natürlich hochproblematisch. Das ist eine Situation, die kannten wir vor dem Krieg in der Ukraine so nicht. Deshalb wird auf europäischer Ebene intensiv diskutiert, sich mit einem eigenen System unabhängiger zu machen.
Und geht da was voran?
Ja, die Bundeswehr baut jetzt ein eigenes sicheres Satellitenkommunikationssystem im niedrigen Erdorbit auf – sozusagen ein eigenes „Starlink“. Dabei ist man sehr bemüht, auch bei den kritischen Komponenten weniger aufs Ausland angewiesen zu sein. Wir werden nicht gleich mit 1000 Satelliten anfangen, sondern eher mit einigen 100. Aber das Ziel ist schon, eine komplette weltraumbasierte Datenübertragungsinfrastruktur bereitzustellen, die rein national betrieben wird. Der Verteidigungsminister hat dafür einen erheblichen Teil seines 35-Milliarden-Euro-Budgets für Weltrauminfrastruktur bereitgestellt, bis 2029 soll es in einer ersten Version einsatzbereit sein und dann kontinuierlich weiterentwickelt werden.