Die CDU muss zittern

von Redaktion

Es wird knapp, sehr knapp. Die beiden CDU-Kandidaten Manuel Hagel (oben) und Gordon Schnieder mit Parteichef Friedrich Merz. © Tittel/Kausche/dpa

München/Stuttgart – Es sah nach einem lockeren, fast fröhlichen Wahlkampf für Manuel Hagel (37) aus. Sogar für Fastnachts-Auftritte räumte der junge CDU-Spitzenkandidat großzügig Termine frei. In Rust nahm er etwa stolz die „Goldene Narrenschelle“ entgegen, eine in der Zunft hohe Auszeichnung. „Ein Spitzen-Narr in jungem Alter“ sei Hagel, lobten die Veranstalter, er rede Klartext, ohne den Ton zu verlieren, „er braucht die Schelle“.

Damals, es ist drei Wochen her, fanden nicht alle Konkurrenten prima, dass der CDU-Mann kurz vor seiner Landtagswahl in Baden-Württemberg so unverhohlen Unterstützung und Ehrungen auf großen Bühnen erhält. Andererseits: Was ändert‘s schon, seine Partei lag ja eh acht bis zehn Prozentpunkte vor Grünen und AfD. In den letzten Tagen aber hat sich die Stimmung dramatisch gedreht. Hagel hat fast den kompletten Vorsprung verloren. Plötzlich steht im Raum, dass er die Wahl am 8. März verlieren kann. „Spitzen-Narr“ wäre dann ein Titel, den Hagel nicht mehr loswürde. Ganzjährig.

Die Nervosität sei hochgeschnellt, sagen mehrere Unions-Leute. In Zahlen: Auf 28:27 und auf 27:25 taxieren Infratest und die Forschungsgruppe Wahlen zu Wochenstart nur noch den Vorsprung von CDU auf die Grünen – hauchdünn. Der im direkten Vergleich populärere Grünen-Kandidat Cem Özdemir hat enorm aufgeholt, punktet mit Erfahrung und Ernst gegenüber dem jungenhafter wirkenden Hagel. „Die Personalisierung des Wahlkampfs ist unglaublich stark“, meint auch Politologe Joachim Behnke von der Uni Friedrichshafen. „Es geht immer mehr um Köpfe – Özdemir ist der populärste Kandidat.“ Dem CDU-Mann schadet zudem schwer, dass die Grünen ein Video aus 2018 publik machten, in dem Hagel von einem Besuch in einer Realschulklasse schwärmt, von „Eva, braune Haare, rehbraune Augen“.

„Ach Du grüne Neune“, titelt spöttisch die „taz“. Vom „Laschet-Moment“ schreibt „Politico“, also vom Verstolpern eines erreichbaren Wahlsiegs kurz vor dem Ziel. So wie im Bund 2021, Hessen 2008, NRW 2012.

Der Frust wäre riesig, denn im einst strammkonservativen Südwesten erstmals seit 2011 wieder einen schwarzen Ministerpräsidenten zu installieren, hätte große Signalwirkung. Hagel wurde dafür aus der Parteispitze emsig unterstützt, sogar der Bundesparteitag nach Stuttgart geschoben. Hilfe auch aus Bayern: CSU-Chef Markus Söder besuchte Hagel im Wahlkampf (in diesem Fall beim Stockacher Narrengericht), lotste ihn vor die Hauptstadtpresse in Berlin („Löwen gegen den Länderfinanzausgleich“) und baute ihm eine Bühne bei der CSU-Klausur in Seeon.

Falls das noch kippt, wird es Vorwürfe an Hagel hageln. Zu brav, spricht zu plattitüdenhaft, so wurde schon vor dem Rehaugen-Video geraunt. Allerdings wäre eine Niederlage auch für Parteichef Friedrich Merz unschön. Landtagswahlen sind ja auch ein Stimmungstest für den Bund. Zumal die CDU auch ein Land weiter zittert: In Rheinland-Pfalz schmilzt der Vorsprung ähnlich rapide dahin, hier von Gordon Schnieder (CDU) vor Ministerpräsident Alexander Schweitzer (SPD) – 28:27. Ein roter Sieg in Rheinland-Pfalz am 22. März wäre für die CDU nicht vergleichbar dramatisch, sie liegt dort seit 1987 hinten. Aber der Trend sähe nicht gut aus, heißt es in der Union. Noch dazu unternimmt die CDU in der Stadt Berlin derzeit viel, um die Wahl am 20. September schwungvoll zu verlieren.

Was tun? Der Kanzler kommt nun selbst noch mal zu Hagel, tritt am 6. März beim Wahlkampf-Finale in Stockach und dann in Ravensburg auf. Und Özdemir? Er muss eigentlich nicht viel machen, betont seine Rolle als grüner Ober-Realo und die eigene Regierungserfahrung. Die Narrenschelle hat Özdemir übrigens auch schon, seit acht Jahren.

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