Die Spannung im Südwesten steigt

von Redaktion

Stuttgart – Es sind nur Zahlen, aber sie stellen den bisher eher langweiligen Wahlkampf in Baden-Württemberg komplett auf den Kopf: Die Grünen von Cem Özdemir, viele Monate in Umfragen weit abgeschlagen hinter der eigentlich siegessicheren CDU, liegen plötzlich fast gleichauf mit den Konservativen.

1. Der Umfrage-Hammer

Der Vorsprung der CDU war zwar über die vergangenen Monate geschmolzen, galt aber wenige Tage vor der Wahl am 8. März weiter als kaum einzuholen. Nun sind es nur noch ein bis zwei Prozentpunkte (siehe Text links).

2. Der Köpfe-Faktor

Ulrich Eith, Politikwissenschaftler an der Uni Freiburg, erklärt sich deren Aufholjagd mit der zunehmenden Bedeutung der Persönlichkeitswerte – bei denen liegt Özdemir klar vorn. „Das muss so sein, dass der Persönlichkeitsfaktor zunehmend eine Rolle spielt“, sagte er. „Anders ist das nicht erklärbar.“ Als Partei präferierten viele Baden-Württemberger die CDU, aber als Ministerpräsident hätten die Menschen lieber Özdemir als den noch relativ unbekannten CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel. Das belegen auch die Umfragen.

3. Das Hagel-Video

Liegt die Aufholjagd auch an Sprüchen über eine Schülerin mit „rehbraunen Augen“? Anfang der Woche postet eine grüne Bundestagsabgeordnete einen acht Jahre alten Clip in den sozialen Netzwerken, der CDU-Frontmann Hagel bei einem Interview zeigt. Hagel, damals 29 Jahre alt und Landtagsabgeordneter, berichtet darin von einem Schulbesuch. In der Klasse hätten 80 Prozent Mädchen gesessen. „Ich werd‘s nie vergessen, die erste Frage, sie hieß Eva, braune Haare, rehbraune Augen.“ Diese Sätze sorgen nun für Wirbel und heftige Kritik. „Der Einstieg für dieses Interview 2018 war Mist“, räumte Hagel ein. Die Umfragen wurden genau in dem Zeitraum erhoben, in dem die Debatte hochkochte. „Selbst wenn es nicht als schwerwiegender Makel empfunden wird: Es bleibt immer etwas hängen“, sagt Politologe Politologe Joachim Behnke von der Zeppelin Uni in Friedrichshafen. Die Video-Sache könne die Grünen mobilisieren.

Auch die in den Umfragen weit abgeschlagene SPD muss mit einem Patzer ihres Spitzenkandidaten Andreas Stoch umgehen. In einem SWR-Porträt ist zu sehen, wie er ausgerechnet nach einem Besuch in einem badischen Tafelladen seinem Fahrer offenbar aufträgt, im benachbarten Frankreich Pastete einzukaufen. Auch wenn es zu dem Einkauf am Ende nie kam, sprach Stoch von einem „Fettnapf“ und drückte sein Bedauern aus.

4. Strategisches Wahlverhalten

Experten halten auch strategisches Verhalten linksgerichteter Wähler für eine mögliche Erklärung des Aufwinds der Grünen. Denn die Linke hat verloren und muss mit 5,5 beziehungsweise 6 Prozent um den sicher geglaubten Einzug in den Landtag bangen. Die SPD kommt auf nur noch 7 beziehungsweise 9 Prozent.

5. Der Motivationsfaktor

Klar ist: Umfragen sind keine Wahlen. Die Fehlertoleranz ist hoch, nachlassende Parteibindungen und immer kurzfristigere Wahlentscheidungen erschweren den Meinungsforschungsinstituten die Gewichtung der Daten.

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