Der Ajatollah ist tot, es lebe… ja wer denn eigentlich? Nach dem Angriff der USA und Israels knickt die verbliebene iranische Führung nicht so schnell ein, wie es sich die Strategen in Washington und Jerusalem vielleicht vorgestellt hatten. Stattdessen schlägt sie im Überlebenskampf wild um sich und nimmt dabei das Risiko in Kauf, die ganze Region in Brand zu stecken. Plötzlich bekommt man eine Vorstellung davon, was es hieße, wenn das „Pulverfass“ Nahost wirklich explodierte.
Der Krieg, den man hat kommen sehen, ist beides: die große, lang ersehnte Befreiungschance für das tapfere iranische Volk – und zugleich eine riskante Wette. Darauf, dass er sich nicht zum großen regionalen Konflikt ausweitet. Und darauf, dass die Iraner noch einmal die Kraft und die Einigkeit finden, sich gegen das brutale Regime in Teheran aufzulehnen. Donald Trump hat klargemacht, dass die Luftangriffe nur die Bedingungen schaffen sollen, um den Regime-Sturz müssen sich die Menschen selbst kümmern. Das kann gut gehen, muss aber nicht. Ob Trump die Sache wirklich zu Ende gedacht hat?
Man muss ihm zugutehalten, dass er jetzt – verspätet – jene Hilfe schickt, die er den Iranern vor wenigen Wochen öffentlich versprochen hatte. Es stimmt, völkerrechtlich ist der Angriff mindestens problematisch. Aber wer bei dieser Ermahnung stehen bleibt, hat nicht verstanden, mit wem er es zu tun hat. Das Mullah-Regime knüppelte erst Anfang des Jahres wieder Proteste nieder, ließ tausende, wenn nicht zehntausende seiner Bürger töten. Es ist eine ständige existenzielle Bedrohung für Israel. Vor allem ist ihm diplomatisch nicht mehr zu trauen. Verhandeln hieß für Teheran nur eins: Zeit gewinnen.
Das haben die Mullahs übrigens mit ihrem Verbündeten im Kreml gemein, der sich nach der Tötung des Ajatollahs allen Ernstes wieder an Moral und Völkerrecht erinnert. In Wahrheit dürfte sich Putin um die Waffenhilfe aus dem Iran sorgen, die er für seinen eigenen Völkerrechtsbruch in der Ukraine braucht. Dass Putins „Freundschaft“ nicht sehr weit reicht, bekommen die Mullahs gerade mit voller Wucht zu spüren. Wie schon bei Assad und Maduro sieht der Kreml zu – und ist gut beraten, es auch dabei zu belassen.
Nun stellt sich eine Frage ganz besonders: Wie weit sind Trump und Netanjahu, die beide mit Blick auf Wahlen im Herbst dringend Erfolge brauchen, bereit zu gehen? Erste US-Soldaten sind tot, einen langwierigen Krieg wird der Republikaner kaum führen wollen; schon jetzt mutet er seiner MAGA-Basis einiges zu. Womöglich genügt es ihm, die religiösen, politischen, militärischen Hauptakteure ausgeschaltet zu haben und mit den Nachfolgern zu verhandeln. Dem iranischen Volk, das Freiheit will, wäre nur halb geholfen.MARCUS.MAECKLER@OVB.NET