Deutschland hatte noch Glück im Unglück, dass sich US-Präsident Donald Trump so spät entschieden hat, gemeinsam mit Israel den Iran anzugreifen: Die neue Gaskrise infolge der Sperrung der Straße von Hormus trifft Europa dadurch erst am Ende der Heizsaison. Noch besser wäre es allerdings gewesen, wenn die Bundesregierung gar nicht erst zugelassen hätte, dass die Gasspeicher sich so stark leeren, wie es zuletzt der Fall war. Jetzt soll eine von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche eingesetzte „Taskforce“ sicherstellen, dass die Energieversorgung gewährleistet bleibt.
Für Panik bestehe kein Anlass, sagt die Ministerin. Deutschlands Energiemix sei ausreichend breit diversifiziert. Doch reicht schon der starke Anstieg der Gas- und Ölpreise, um den mit hohen Staatsschulden erkauften zarten Aufschwung zu gefährden. Das harsche Sechs-Prozent-Minus beim deutschen Aktienindex Dax spiegelt diese Sorgen wider. Allein von Freitag auf Montag verteuerte sich Gas zur Lieferung im Mai um 44 Prozent, nachdem bekannt geworden war, dass Katar die Produktion von Flüssigerdgas stoppt.
Ein wenig ähnelt die Lage der Situation nach Putins Überfall auf die Ukraine. Damals hatte Russland seine Gaslieferungen schon vor Kriegsausbruch heruntergefahren, um seinen Kunden Deutschland später erpressen zu können. Die Ampelregierung tat dem Kreml zusätzlich noch den Gefallen, auch die letzten drei Kernkraftwerke nach kurzem Aufschub abzuschalten. Deutschland hat einige Lehren aus der Zeitenwende gezogen: Es rüstet auf und hat sich aus seiner Energieabhängigkeit von Russland gelöst, auch mithilfe von Wind- und Solarenergie. Eine große Chance aber hat Berlin liegen lassen: Kurz entbrannte hierzulande eine Debatte über die Förderung heimischen Erdgases. Doch die ideologischen Vorbehalte erwiesen sich dann doch als zu stark. Das ist bedauerlich, denn Deutschland verfügt über 36 Milliarden Kubikmeter förderbaren Erdgases, die unsere Importabhängigkeit signifikant reduzieren könnten. Wir helfen unseren niederländischen Nachbarn, ein Gasfeld in der Nordsee anzuzapfen, sagen aber nein danke, wenn es um die heimische Förderung geht. Ministerin Reiche hat Recht: Unpopuläre Dinge einfach an die Nachbarn auszulagern, ist auf Dauer nicht durchzuhalten. Der Krieg im Nahen Osten ist ein guter Anlass, noch mal neu nachzudenken.GEORG.ANASTASIADIS@OVB.NET