Jeder fünfte Bundeswehr-Rekrut bricht ab. © Heimken/dpa
Berlin – Der Wehrbeauftragte des Bundestages, Henning Otte, hat in seinem Jahresbericht angesichts der verschärften Bedrohungslage eine schnelle Personalwende bei der Armee gefordert. Ein Erfolg des neuen Wehrdienstmodells sei zwingend, um bis Mitte der 2030er-Jahre das Ziel von 260.000 aktiven Soldaten und 200.000 Reservisten zu erreichen. „Nur so entsteht glaubhafte Abschreckung“, erklärt Otte.
Zwar habe sich die Personalstärke der Truppe im Vergleich zum Vorjahr um rund 3000 Soldaten erhöht. Doch die Probleme bei der Personalgewinnung blieben gravierend. Die Abbruchquote liege bei 19,8 Prozent, eine leichte Erhöhung im Vergleich zu 2024 (19 Prozent).
Sollte das im reformierten Wehrdienst festgelegte Modell der Freiwilligkeit nicht ausreichen, um die Truppenstärke langfristig zu erhöhen, „ist die Rückkehr zu einer Wehrpflicht der konsequente nächste Schritt“, heißt es in dem Bericht weiter. Für eine höhere Akzeptanz des neuen Wehrdienstes müsse dieser attraktiv ausgestaltet werden.
Auch für Frauen müsse die Truppe nach Ottes Worten attraktiver werden. Bei einer Gesamtstärke von gut 184.000 Streitkräften sei der Frauenanteil mit 13,7 Prozent „viel zu wenig“. „Wir müssen das Potenzial stärker ausschöpfen.“
Eine schnell einsatzbereite, voll ausgestattete und durchhaltefähige Bundeswehr sei „von überragender Bedeutung“, betonte der Wehrbeauftragte. Im Sinne der Zeitenwende seien „Innovation, Materialverfügbarkeit, Souveränität in der Beschaffung, ausreichend Munition, funktionierende Logistik und persönliche Ausrüstung genauso entscheidend wie Großgerät“. Die Kriege in der Ukraine und im Gazastreifen hätten zudem die Fähigkeiten und die Bedeutung von Drohnen herausgestellt.
Mit der Öffnung der Schuldenbremse für Verteidigungsausgaben habe der Deutsche Bundestag die notwendigen finanziellen Weichen „für eine einsatzfähige und kriegstüchtige Bundeswehr“ gestellt, heißt es in dem Bericht weiter. Für eine dauerhafte Wirkung komme es jetzt darauf an, „das Geld effizient einzusetzen“. Die aktuellen Strukturen der Bundeswehr und des Verteidigungsministeriums seien „zu kopflastig, zu kompliziert und in großen Teilen nicht effektiv“.
Ebenfalls Thema im Wehrbericht: Frisuren und Bärte. „Das Verteidigungsministerium muss insbesondere mit Blick auf den Neuen Wehrdienst schnellstmöglich den neuen sogenannten Haar- und Barterlass herausbringen, der zeitgemäß ist und die Interessen aller Bundeswehrangehörigen berücksichtigt“, schreibt Otte. Ein Stabsfeldwebel hatte sich 2019 vor Gericht mit der Bundeswehr auseinandergesetzt, weil er als Soldat keine langen Haare tragen darf – Frauen aber schon.