Die Rampensau setzt sich durch

von Redaktion

Kämpfte gegen Nervosität: Stephan Zinner bei seinem Debüt als Prediger. © Peter Kneffel / dpa

München – Den unsichtbaren Elefanten im Festsaal spricht Stephan Zinner vorsichtshalber gleich selbst an. „Ich muss gestehen, dass nicht alle meine Freunde hundertprozentig begeistert davon waren, dass ich diese Rede hier halte.“ Soll heißen: dass er, der Publikumsliebling, der als Markus Söder jedes noch so durchwachsene Nockherberg-Singspiel zum Erlebnis machte, sich das antut. Die Fastenpredigt! Für die man doch nur abgewatscht wird! Zinners Antwort: „Warum? Weil ich diese Veranstaltung mag.“ Das Derblecken sei „ein positives Signal von hier an den Rest der Republik. Wir können heute zeigen, dass wir über uns selbst lachen können. Wer das kann, zeigt Größe. Das war durchaus mal eine bayerische Stärke.“ Eine erste Ansage an all jene, die sich bei Zinners Vorgängern zuletzt arg dünnhäutig zeigten.

Das tun sie an diesem Abend nicht, im Gegenteil. Und das liegt sicher daran, dass vor allem die CSUler sich mit dem Humor wieder leichter tun, seit sie Teil der Bundesregierung sind. Es liegt aber auch am Vortrag des 51-jährigen Schauspielers aus Trostberg, der heute in Tracht am Pult steht. Er ist – selbst wenn er merklich nervös ist – einfach ein charismatischer Typ, ein Versöhner, kein Spalter. Die Rede haben er und Co-Autor Martin Zeltner unter das Motto Augenmaß gestellt.

Zunächst einmal profitiert davon der Landesvater. Denn auch wenn Zinner versichert, „ich hab Sie ja studiert; ich hab das große Markusium in Söderistik“: Zu Beginn belässt er es bei ein paar Seitenhieben auf die jüngste Hüftoperation, das Schwänzen von Landtagssitzungen, das prekäre Verhältnis zum „nordrheinwestfälischen Hungerhaken“ Friedrich Merz und die neue Bart-Tracht des „Dr. Fu Manchu Bayerns“. Die Lacher in den ersten Reihen sind ihm so gewiss.

Die Verantwortlichen im Bund geht er schon handfester an: Innenminister Alexander Dobrindt hält Zinner seinen Ausweise-Aktionismus vor. „Wofür? Sie wollen den jammernden, Schrebergarten verteidigenden AfDler auf Ihre Seite ziehen. Das läuft ja nicht so hundertprozentig.“ Auch Alois Rainer muss ätzenden Spott schlucken: „Sie haben in Ihrem Landwirtschaftsministerium das Wort Pestizid verboten und ersetzt durch das Wort Pflanzenschutzmittel. Dann sollte man aber auch den dadurch verursachten Krebs ersetzen mit dem Wort ‚Zellwachstumsinnovation‘.“ Und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche „redet heute noch genauso wie damals im E.on-Büro. Wer da etwas Schlechtes denkt… hat wahrscheinlich das neue Heizungsgesetz gelesen.“

So viel zu einer möglichen Beißhemmung des neuen Redners – auch wenn nicht jeder Gag zündet. Und mancher Zinner-Tritt landet über Umwege doch an Söders Schienbein. Bayerns Kultusministerin Anna Stolz müsse ihren Lehrermangel verwalten, weil der Haushalt es verlange. „Für die schwarze Null produzieren wir Bildungsnullen!“, ruft der dreifache Vater. „Und jetzt verlangen Sie, dass die Schüler die Bayernhymne singen sollen“, adressiert er Söder. „Verlangen’s doch nicht so einen plakativen Schmarrn, sondern unterstützen’s ihre Leut lieber!“ Und als es ums Thema Erbschaftssteuer geht, klingt Zinner auf dem Papier gar nicht so anders als sein Vorgänger Maxi Schafroth: „Ist Besitz systemrelevant? Nein, Privatsache. Aber diese Privatsache fährt keinen Bus, pflegt keinen Patienten und löscht kein Feuer.“ Er bringt’s halt charmanter rüber.

Und dann meldet sich die Allmächtige selbst zu Wort. Auf die Frage, woher bei Reiches Energiepolitik denn künftig der Strom kommen soll, geht das Licht aus und die Stimme Gottes ertönt. Es ist die Stimme von Moderatorin Carolin Matzko. Gott, eine Frau? „Schon immer! Wie sonst hätte ich bei dieser depperten, sich selbst zerstörenden Menschheit so lange Gnade walten lassen?“ Der göttliche Blitz zur Stromgewinnung soll im Bayerischen Wald einschlagen und Hubert Aiwanger ihn einfangen. Söders Vize bleibt ansonsten – so wie auch die versammelte Opposition – relativ ungeschoren. Was ihm nach Nockherberg-Gesichtspunkten natürlich zu denken geben sollte.

Das amüsante Intermezzo zeigt: Zinners Rede ist am besten, wenn er nicht nur Frontalunterricht hält, sondern auch als Schauspieler gefordert ist – und so langsam bricht die Rampensau aus ihm heraus. Sein Exkurs in die bevorstehende Münchner Wahl wird erst richtig witzig, als er sich an seinen Wiesn-Besuch erinnert und seine alkoholbedingte Halluzination neu durchlebt: Zinner fährt auf dem E-Radl bis vor die Staatskanzlei, vor der ihn ein junger Generalsekretär Söder empfängt – und eine Ministerpräsidentin Ilse Aigner, die ihm zuflüstert: „Es waren fünf Mass, Stephan, nicht vier.“

Die Rede nimmt Fahrt auf. Vollends die Sau raus lässt Zinner am Ende, als er auch zu seinem Thema zurückfindet – dem Augenmaß. In einer grandios eskalierenden Gospel-Ansprache („Oh, yeah! Prost!“) fordert der die Politikerschar zu weniger Lagerdenken, mehr Menschenverstand auf – gerade in Zeiten, in denen die Weltenlenker verrückt spielen. „Zammhalten müssen wir!“

Am Ende hat die Rampensau den unsichtbaren Elefanten doch noch aus dem Saal gejagt. In den Applaus mischt sich die Erkenntnis: Den Zinner sehen wir wieder. Wir dürfen uns drauf freuen.

Artikel 3 von 11