Singspiel wird zum Drachenkampf

von Redaktion

Der Kanzler als Ritter: Merz sucht nach Ungeheuern.

Barde Söder singt vor einem Kernkraftwerk.

Blutiges Singspiel: Das Politiker-Ensemble um Friedrich Merz (re.) nach der Drachenjagd. © BR/Markus Konvalin (4)

Bittere Tränen: Michaela Kaniber (re.) lässt sich von Katharina Schulze trösten.

München – Michaela Kaniber versteht die Welt nicht mehr: Ihre feinsten Schmankerl hat sie Markus Söder angeboten – Allgäuer Fettleberwurst, sogar exotische Hellabrunner Panda-Salami. Doch der sonst so fleischaffine Ministerpräsident ist wie ausgewechselt. Statt zuzugreifen, doziert er über die Gefahren tierischer Fette. Und überhaupt: Hat die Landwirtschaftsministerin schon einmal darüber nachgedacht, wie sich übermäßiger Wurstkonsum auf die Umwelt auswirkt? „Das hast du uns ja jahrelang verboten“, stammelt Kaniber und bricht in Tränen aus.

Was die Ministerin nicht weiß, das Publikum beim Nockherberg-Singspiel am Mittwochabend hingegen schon: Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Stefan Murr) hat den Ministerpräsidenten in der Szene zuvor zu ewiger Ernsthaftigkeit (also Ehrlichkeit) verdammt.

Unter zu viel Ernsthaftigkeit leidet das Singspiel selbst natürlich nicht. Man merkt dem Stück an, dass die Autoren Stefan Betz und Richard Oehmann es dieses Jahr einfacher hatten als 2025: Damals wurde das Ergebnis der Bundestagswahl erst kurz vor dem Nockherberg bekannt, vieles blieb bis zuletzt unklar. Dieses Jahr stand der Kanzler immerhin schon weit im Voraus fest.

Friedrich Merz steht auch im Mittelpunkt des Stücks, er darf den Titel „Wirf das Handtuch, Lindwurm!“ auf der Bühne zum Besten geben. Sein Double David Zimmerschied ist deshalb deutlich länger auf der Bühne als in den Vorjahren. Autor Oehmann erklärte im Vorfeld, die Darstellung werde daher weniger körperlich übertrieben ausfallen. Dennoch bleibt Zimmerschied an Haltung und Mimik sofort als Merz erkennbar: vorgeschobener Kopf, permanent gerunzelte Stirn, schmollende Unterlippe. In klappriger Schrott-Rüstung galoppiert er auf einem nicht vorhandenen Pferd über die postapokalyptische Bühne. Barde Söder (Thomas Unger) und seine Ernährungsberaterin Kaniber (Judith Toth) besingen ihn als „Kanzler Friederich“, „länglich wie ein Lurch“. Merz’ Mission: einen Drachen zu erlegen – vielleicht das Bürokratie-Ungeheuer, vielleicht die Bestie der Bürgergelderschleichung.

Immer dicht auf Merz’ Fersen: SPD-Chefin und Koalitionspartnerin Bärbel Bas (Nikola Norgauer) im roten Blazer mit Totenkopf-Motiv auf dem Rücken. Mütterlich-kritisch fragt sie den Kanzler, ob er denn nicht einen Pulli über die Rüstung ziehen möchte. An seinen Plänen lässt sie kein gutes Haar, ist aber gleichzeitig nicht in der Lage, ihn vor Fehltritten zu bewahren. Ihr „Achtung! Fettnäpfchen!“ kommt zu spät – der Kanzler ist schon hineingetreten. Beim ungelenken Walzer zu „Can’t Help Falling in Love“ von Elvis streiten sie so lange darum, wer führen darf, dass Bas schließlich ebenfalls im Fettnapf steckenbleibt und beide keinen Schritt mehr vorankommen.

Neben dieser nicht gerade subtilen Kritik an der Arbeit der Koalition kommentiert auch das Bühnenbild die politische Lage. Eine Telefonzelle mit Einschusslöchern, ein kaputtes Auto ohne Reifen – die Szenerie wirkt wie nach einem Atomunglück und suggeriert: Deutschland hat seine besten Tage wohl hinter sich. Um die Politiker kreisen wie unheilvolle Boten schwarze Raben.

Den Überraschungsauftritt des Abends hat Thomas Limpinsel als Jens Spahn. Seine Rolle wurde geheim gehalten. Wie das Teufelchen auf Merz‘ Schulter erklärt er, jeder Weg habe eine Alternative. Spahn schlägt vor, die Tür durch die Brandmauer ins Schlafzimmer eines blauen (oder braunen) Drachen zu nehmen.

Am Ende geht der Kanzler nicht durch die blau leuchtende Tür. Stattdessen schließen sich die Politiker zusammen und erlegen den Drachen der schlechten Laune (gesprochen von Autor Oehmann). Nur Barde Söder beteiligt sich nicht. Wegen lästiger Einwände wie „Die letzten spektakulären Innovationen aus Bayern waren der Transrapid und Wirecard“ wird er gefesselt und geknebelt. Denn für den Rest der Truppe gilt: „Bitte kein Gewimmer mehr, leichter wird es nimmer mehr.“ Dafür gibt es viel Beifall – und ein Stirnrunzeln vom echten Ministerpräsidenten in der ersten Reihe.

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