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München – Mit seinen Schulbesuchen hat Manuel Hagel kein Glück. Vor ein paar Wochen flog ihm ein älteres Video um die Ohren, in dem sich der damals 29-jährige Jungabgeordnete nach einem solchen Besuch vor allem zum Aussehen einer Schülerin äußerte („sie hieß Eva, braune Haare, rehbraune Augen“). Nun, unmittelbar vor der Wahl in Baden-Württemberg, gehen in den Netzwerken zwei kurze Clips eines weiteren Besuchs viral. Einmal scheitert der CDU-Spitzenkandidat, als er auf Bitten der Lehrerin den Klimawandel erklären soll. Im anderen fährt er ihr harsch über den Mund, als sie eine Frage stellen will.
Wie fair diese kurzen Schnipsel sind, sei dahingestellt. Aber sie passen ins Bild. Die Anspannung bei der CDU in Stuttgart (und auch im Bund) wächst. Der sonst etwas blasse, aber sehr freundliche Hagel scheint mit der Fassung zu ringen.
Alles deutet darauf hin, dass CDU und Grüne nach der Wahl eine Koalition eingehen werden (müssen) – egal, ob am Ende der Ministerpräsident Hagel oder Cem Özdemir heißt. Und deshalb war der Wahlkampf auch lange in eher freundlichem Ton verlaufen. Doch seit die Grünen in den Umfragen aufholen (siehe Kasten), ändert sich dies. „Das ist eine Kampagne, wirklich aus der untersten Schublade“, sagte Vize-Regierungschef Thomas Strobl (CDU) bereits, als eine Grünen-Abgeordnete das alte Schul-Video hervorkramte. Nun, unmittelbar vor der Wahl, gibt es Ärger um eine Kampagne der Grünen Jugend, die – ohne Nutzung des Parteilogos – ihre Anhänger aufrief, Verwandte und Bekannte gezielt auf das alte Hagel-Video anzusprechen. „Die Grünen haben ihren moralischen Kompass verloren“, sagte der Generalsekretär der Landes-CDU, Tobias Vogt. „Wer sein eigenes Parteilogo und seine Inhalte verstecken muss, dem bleibt am Ende nur noch der Griff in die Schmutzkiste.“
Hagel selbst versucht, möglichst gelassen mit den jüngsten Entwicklungen umzugehen. Das freundlich-verbindliche Auftreten des ehemaligen Filialleiters der Sparkasse in Ehingen galt lange als großes Pfand des erst 37-jährigen Kandidaten. Im Wahlwerbefilm zeigt er sich als Vater mit seiner Frau und drei kleinen Kindern. Bodenständig, schwäbisch.
Bisher war Hagel selten in der Defensive – am Willen, im richtigen Moment zuzupacken, mangelt es ihm nicht. Seit 2016 sitzt er im Landtag und schaute sich eine Legislaturperiode an, wie die einst so stolze baden-württembergische CDU in einen zerstrittenen Haufen zerfiel. 2021 wurde er dann Fraktionschef. Trotzdem hat er im Vergleich zum ehemaligen Bundesminister Özdemir ein Bekanntheitsproblem: Die Hälfte der Befragten im ARD-„Deutschlandtrend“ sagt, Hagel nicht zu kennen oder sich keine Meinung über ihn zuzutrauen – ein verheerender Stand.
Für die CDU geht es um viel: Jahrzehntelang regierten sie den Südwesten, bis sie 2011 von den Grünen und Winfried Kretschmann entthront wurden. Was als Betriebsunfall begann, soll am Sonntag nicht zementiert werden.