Der Coup des anatolischen Schwaben

von Redaktion

Süßer Lohn: Özdemir mit Ehefrau Flavia. © Weißbrod/dpa

München – Eine wichtige Voraussetzung für einen umjubelten Sieger bringt Cem Özdemir von Haus aus mit: den eingängigen Vornamen. Als er eine halbe Stunde nach Schließung der Wahllokale gestern vor seine Anhänger tritt, wird er von „Cem, Cem, Cem“-Sprechchören empfangen. Seine Basis weiß, wem allein sie diesen Feier-Abend zu verdanken hat.

Selbst nach den Maßstäben der Politik ist der Wahlkampf der Grünen ungewöhnlich stark personalisiert gewesen. Nicht nur die Distanz zum Berliner Politikbetrieb – wo der frühere Landwirtschaftsminister in der notorisch zerstrittenen Ampel gelernt haben will, „wie man es nicht machen sollte“ – spielte eine wichtige Rolle. Sondern auch seine Biografie.

Die Karriere wurde ihm nicht in die Wiege gelegt. Seine Aufstiegsgeschichte erzählte der 60-Jährige im Wahlkampf gerne und oft: Der Vater arbeitete in mehreren Fabriken, die Mutter betrieb eine eigene Änderungsschneiderei. In der Schule tat sich der Sohn türkischer Gastarbeiter lange schwer. Hilfe fand er bei Nachbarn und Freunden, die ihn bei den Hausaufgaben unterstützten. Auf dem zweiten Bildungsweg holte er die Fachhochschulreife nach und studierte Sozialpädagogik. Dann folgte der politische Aufstieg.

Özdemir, nach eigenem Bekunden ein „säkularer Muslim“, geht betont offensiv mit seiner multikulturellen Lebensgeschichte um. Seine Selbstdarstellung als „anatolischer Schwabe“ ist im Südwesten längst ein geflügeltes Wort geworden. Auch optisch haben seine Strategen dem Wahlkampf eine ganz persönliche Färbung verpasst. Das Motto seiner Kampagne lautete „2Ö26“.MB

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