Özdemir krönt die Aufholjagd

von Redaktion

Grüne siegen wohl in Baden-Württemberg – und müssen sich mit CDU zusammenraufen

Abschiedsfoto: FDP-Mann Hans-Ulrich Rülke. © Kienzle/AFP

Nicht gut genug: Manuel Hagel. © Murat/dpa

Alles hört auf sein Kommando: Cem Özdemir hat die Grünen mit einem sehr auf ihn zugeschnittenen Wahlkampf zum Sieg geführt. © WITTEK/EPA

München/Stuttgart – In der Konrad-Adenauer-Straße steigt die Stimmung unaufhaltsam. Ausgerechnet hier, wo der Säulenheilige der CDU Namensgeber ist, haben Baden-Württembergs Grüne zur Wahlparty geladen. Und Grund zum Feiern haben sie am Sonntagabend reichlich. Als die ersten Prognosen die Runde machen, wird aus aufgekratzter Erwartung ungezügelte Freude. Auch ein paar Tränen fließen.

Ganz überraschend kommt es freilich auch nicht mehr, dass die Grünen bei der Landtagswahl die CDU wohl noch abfangen. Spitzenkandidat Cem Özdemir spricht von einer „fulminanten Aufholjagd“, das ist fast untertrieben. „The trend is your friend”, die Börsenweisheit, gilt auch für diese Wahl. Im Oktober war der Rückstand noch zweistellig, vor sechs Wochen zumindest satt einstellig. Doch dass der scheinbar komfortable Abstand der CDU vollends schmelzen könnte, zeichnete sich ab, bevor die Veröffentlichung des „Rehbraune Augen“-Videos ihren Spitzenmann Manuel Hagel in Erklärungsnot brachte.

Als gestern die ersten, noch wenig belastbaren Zahlen kommen, wirkt Özdemirs Jubel auch deshalb ein bisschen verhalten. Er weiß, dass Grüne und CDU einander brauchen. „Die letzten zehn Tage war es manchmal zugespitzt – so ist das im Wahlkampf. Aber der Maßstab sind die letzten zehn Jahre.“ Da hat man als Partner zusammengearbeitet und wird es weiter tun, denn die AfD, die deutlich an Stimmen gewinnt, kommt dafür ja nicht infrage. „Nicht grün, nicht schwarz“ werde seine Politik gefärbt sein, es gehe ums Ländle, sagt Özdemir. Auch Hagel wird nicht ewig nachtragend sein, weil eine Grüne in Berlin ihm den Video-Ärger beschert hat: „Nach dem 8. März kommt der 9. März. Da müssen alle wieder runter von den Bäumen.“

Özdemirs Coup tut den Grünen als Ganzes gut, die in den vergangenen Jahren arg gerupft wurden, doch so einfach lässt sich der Ministerpräsident in spe nicht vereinnahmen. Demonstrativ hat er im Wahlkampf Distanz zur Zentrale gehalten, die er kühl als „Schwesterpartei“ bezeichnete und deren Logo er versteckt platzierte oder gleich ganz unterschlug. „Nicht jeder Vorschlag aus meiner Partei begeistert mich immer“, sagt er. Sein Sieg garantiert, dass er weiterhin die nötige Beinfreiheit hat, wie schon sein Vorgänger, der nach 15 Jahren aus dem Amt scheidende Winfried Kretschmann.

Weniger kommod ist Hagels Lage. Selbst in der eigenen Partei konnte er mit seinem freundlich-biederen Wahlkampf nicht jeden überzeugen. ARD-Zahlen belegen das spektakulär: 57 Prozent der CDU-Wähler äußerten sich zufrieden – über Özdemirs Arbeit. Im Gegensatz zum Grünen, der in allen wesentlichen Kategorien – sympathisch, kompetent, glaubwürdig – deutlich vorn lag, hatte der 23 Jahre jüngere CDU-Mann ein ganz grundsätzliches Problem: Der breiten Masse an Wählern musste er sich überhaupt erst bekannt machen. Wie es für ihn weitergeht? Vage spricht er von „Verantwortung“, die er für das Ergebnis übernehme. Das lässt an diesem Abend Interpretationsspielraum.

Konkreter wird da Andreas Stoch, der Spitzenkandidat der SPD. Sie strandet nur knapp oberhalb der Fünf-Prozent-Marke, ein historisch schlechtes Abschneiden. Stoch erklärt noch am Abend seinen Rückzug vom Fraktionsvorsitz. „Total unter die Räder gekommen“ sei man, gesteht Generalsekretär Tim Klüssendorf und führt das Abschneiden auf die Zuspitzung des Duells Özdemir vs. Hagel zurück. Für die SPD blieb da in den vergangenen Wochen nicht mehr viel übrig, weder an Aufmerksamkeit noch an Stimmen.

Eine ähnliche Erfahrung machten Linke und FDP, die noch vor wenigen Tagen oberhalb der Fünf-Prozent-Marke taxiert waren. Bei den Linken war das Verfehlen des Ziels noch zu erwarten, bei den Liberalen hingegen markiert es eine Zäsur. Erstmals verpasst die FDP in ihrem Stammland den Einzug ins Parlament. „Damit endet eine Tradition“, sagt Spitzenkandidat Hans-Ulrich Rülke. Einschneidende Konsequenzen hat das für Generalsekretärin Nicole Büttner. Sie hatte angekündigt, sich eine Glatze zu rasieren, wenn es schiefgeht. Ein letztes Mal werden die Liberalen für Aufsehen sorgen. Dann wird es noch ein bisschen stiller um sie werden.MARC BEYER

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