Die Grüne Jugend setzt Özdemir unter Druck. © Murat/dpa
München/Stuttgart – Cem Özdemir gibt sich im Moment seines bislang größten Triumphs gelassen. Die ersten Hochrechnungen zur Landtagswahl in Baden-Württemberg sind da – und die Grünen führen. Der Saal in Stuttgart jubelt: „Cem, Cem, Cem!“ Der Spitzenkandidat, wohl bald Ministerpräsident, winkt jedoch ab und schmunzelt: „Der Baden-Württemberger ist ja immer ein bisschen skeptisch und wartet erst mal ab.“
Doch das gelöste Lächeln zeigt: So ganz glaubt er seinen eigenen Worten selbst nicht. Wochenlange Anspannung scheint von ihm abzufallen. Denn Özdemirs Sieg ist einer, mit dem vor ein, zwei Monaten niemand gerechnet hatte: Zehn Prozentpunkte lag der Grünen-Spitzenkandidat hinter seinem CDU-Kontrahenten Manuel Hagel – am Ende hatte der 60-Jährige die Nase knapp vorn. Mit seinem Realo-Kurs schaffte es der Ex-Agrarminister, der erste deutsche Ministerpräsident mit türkischen Wurzeln zu werden.
Doch nicht alle bei den Grünen sind von dem Wahlsieg beflügelt. Der Chef der links ausgerichteten Grünen Jugend, Luis Bobga, attackierte Özdemir noch in der Wahlnacht scharf und fragte, „ob das am Ende noch grüne Politik ist“. Außerdem müsse sich Özdemir vom früheren Tübinger Oberbürgermeister und Ex-Grünen-Politiker Boris Palmer distanzieren und ihm weder ein Ministeramt noch eine Beraterrolle anbieten. Im Wahlkampf hatten sich Özdemir und Palmer häufig gemeinsam gezeigt.
Diese Nähe stößt beim Parteinachwuchs auf Ablehnung. Auf der Wahlparty der Grünen in Stuttgart kam es laut „Spiegel“ zu einem offenen Streit zwischen Palmer und Mitgliedern der Grünen Jugend. In der Staatsgalerie hätten ihn zwei Männer, „ganz klar Grüne Jugend“, angegangen, so Palmer. Er sei nicht eingeladen und solle verschwinden.
Auf Palmers Rolle in seinem künftigen Kabinett angesprochen, sagte Özdemir gestern: „Ich bin permanent im Gespräch mit ihm.“ Konkrete Ämter verteile er aber noch nicht. Bevor es an die Personalien geht, muss Özdemir eine noch brisantere Frage klären: Die Union schlägt aufgrund des knappen Ergebnisses eine Machtteilung vor – zweieinhalb Jahre Özdemir, zweieinhalb Jahre Hagel.
Özdemir gibt sich angesichts des heiklen Vorschlags weiter gelassen. Die Grünen hätten die Landtagswahl gewonnen, selbst bei einem Vorsprung von nur einer Stimme würden sie den Ministerpräsidenten stellen, erklärt er unaufgeregt. „Quatsch aller Art“ sei dem Ernst der Lage nicht angemessen. „Wir machen Erwachsenenpolitik.“ Die Südwest-CDU reagiert auf diese Aussage empfindlich: „Diese herablassende Arroganz der Äußerungen von Özdemir verwundert uns doch sehr.“SOPHIA BELLIVEAU