Vielen Dank für die Blumen! So schlecht kann ein Wahlergebnis gar nicht sein, dass die Wahlkämpfer am Tag danach nicht doch ein paar welke Tulpen in die Hand gedrückt bekämen von ihren Berliner Parteichefs. Doch so gequält wie gestern nach dem Paukenschlag im Ländle lächelten die Teilnehmer der Zeremonie schon lange nicht mehr in die Kameras. SPD, Linke, FDP, CDU – sie alle hat der Souverän zum Start ins Superwahljahr 2026 auf die eine oder andere Weise rasiert. Der selbst mehrfach gescheiterte CSU-Titan Franz Josef Strauß hatte für Verlierer immer einen Rat parat: Fehler sind verzeihlich – so lange man aus den vom Wähler erteilten Lektionen lernt.
Lektion Nummer 1: Dass die FDP nicht mal mehr in ihrem lutherisch-calvinistischen Stammland Baden-Württemberg den Sprung in den Landtag schafft, sollte auch dem Letzten zu verstehen gegeben haben: Mit Christian Dürr, dem uncharismatischsten Anführer in der Geschichte der FDP, sind die Liberalen mitsamt ihren Ideen von Freiheit und Leistungsbereitschaft chancenlos. Die Partei hat nur einen, der ihr mit rhetorischer und intellektueller Schärfe wieder die nötige Aufmerksamkeit und mediale Präsenz verschaffen kann. Und der heißt, auch wenn manche FDP-Hasser nun aufschreien, Christian Lindner.
Lektion Nummer 2: Als nächste Traditionspartei über die Wupper gehen könnte die altehrwürdige SPD – wenn sie Bullshit-Bas erlaubt, die alte Sozialstaatspartei weiterhin zur Anti-Reform-Partei zu schrumpfen und damit die schwarz-rote Bundesregierung zu lähmen. Diesen Kurs haben die Wähler in Baden-Württemberg, wo der Mittelstand stark und die Sorge vor wirtschaftlichem Abstieg groß ist, brutal abgestraft.
Lektion Nummer 3: Nachkarten und wegen der Mandatsgleichheit am grünen Tisch doch noch den Wahlsieg in Baden-Württemberg für sich reklamieren wird der CDU nichts bringen. Besser wäre es, in Berlin jetzt zügig den Neustart zu versuchen. Solange das XXL-Schuldenpaket die Aussicht auf einen wenigstens bescheidenen Aufschwung eröffnete, konnte sich die Union noch an das Prinzip Hoffnung klammern. Mit der Explosion der Energiepreise infolge des Irankriegs droht auch diese Hoffnung nun wie eine Seifenblase zu zerplatzen. Weitere Wahlenttäuschungen, und zwar noch viel heftigere als die im Ländle mit seinem farblosen CDU-Spitzenkandidaten, sind in Ostdeutschland programmiert, wenn der Kanzler jetzt nicht das Ruder herumreißt und eine Reformagenda 2030 ins Werk setzt, die diesen Namen verdient.
Und Lektion Nummer 4: Grüne Anführer wie Cem Özdemir können Wahlen gewinnen, wenn sie sich weit genug von ihrer Partei distanzieren. Die irren Ausfälle der Grünen Jugend gegen den Wahlsieger noch am Abend von dessen Triumph zeigen, dass die in weiten Teilen linksfundamentalistische Ökopartei vor einem Richtungskampf steht, bei dem Klimafanatiker und woke Kulturkämpfer gegen pragmatische Realos stehen. Sein Ausgang wird darüber entscheiden, ob die Grünen auch in Berlin zurückkehren in die Mitte und an die Macht. Oder ob sie der AfD die Tür zu anderen Mehrheiten öffnen. Georg.Anastasiadis@ovb.net