Pulverfass Palmer

von Redaktion

In Tübingen ein König, im Bund ein Enfant terrible – und in Stuttgart bald Minister? Boris Palmer. © Christoph Schmidt/dpa

München – Kürzlich wurde Boris Palmer angezeigt, blöde Lappalie, nichts Wildes. Palmer hatte sein Pedelec mit einem falschen Nummernschild versehen, grün statt schwarz. Das Rad musste er an dem Abend also stehen lassen, tags darauf tauschte er das Kennzeichen vorschriftsgemäß aus. „Die Aufregung darüber ist mal wieder enorm“, kommentierte er, „aus Grün wurde Schwarz.“

Schon witzig, ein bisschen trifft das auch auf ihn persönlich zu. Einst ein Star der Grünen, eckte Palmer immer mehr mit konservativen Positionen an. Am Ende warfen ihm frühere Mitstreiter Rassismus vor, drohten ihm mit Rauswurf, 2023 verließ er die Partei freiwillig. Ende der Geschichte – dachte man. Doch dann holte Cem Özdemir ihn im Landtagswahlkampf an seine Seite. Das war riskant, aber zahlte sich aus. Jetzt, nach dem Sieg, wird Palmer gar als Minister gehandelt. Einen Jobwechsel, sagt er, könne er sich gut vorstellen.

Palmer in der Stuttgarter Landesregierung, das hätte seinen Reiz. Immer schon galt der Tübinger OB als politisches Ausnahmetalent, scharfsinnig, eloquent, mutig. Andere wären längst in höhere Ämter befördert worden. Aber, und da ist man bei der anderen Seite des 53-Jährigen, er hat sich den Weg selbst immer wieder verstellt. Palmer spricht gern Klartext, provoziert oft, gliedert sich ungern ein. „Ich bin ein Querkopf“, sagte er mal über sich selbst. „Das ist die Vorstufe zum Querulanten.“

Ein Vorstufen-Querulant als Minister? Özdemir sagt bisher nicht Ja, aber auch nicht Nein. Dem linken Teil der Grünen reicht das schon, um in Gefechtsstellung zu gehen. Katharina Dröge, Fraktionschefin im Bundestag, sagt, das neue Kabinett müsse „breit von der Partei unterstützt“ werden. Palmer holen? „Ich glaube, das würde er (Özdemir) nicht tun.“ Die Grüne Jugend, die schon mit Özdemir ihre Probleme hat, fordert sogar einen Palmer-Bann. Der Verstoßene dürfe keine Rolle in Stuttgart spielen.

Man muss sagen: Der prominente Oberbürgermeister hat sich die Verachtung der Fundis redlich verdient. Der damaligen Kanzlerin Angela Merkel entgegnete er im Flüchtlingsjahr 2015: „Wir schaffen das nicht.“ Eine betont diverse Bahn-Werbung kommentierte er mal mit den Worten: „Welche Gesellschaft soll das abbilden?“ Später ließ er sich partout das „N-Wort“ nicht verbieten. Bei einer Migrationskonferenz benutzte er es bewusst, erntete „Nazis raus“-Rufe und wehrte sich mit einem „Judenstern“-Vergleich. „Wenn man ein falsches Wort sagt, ist man für Euch ein Nazi.“ Es folgten: Entschuldigung, Parteiaustritt, eine kurze politische Auszeit.

„Ich glaube, er hat sich in dieser Zeit schon verändert“, sagt einer, der Palmer gut kennt und schätzt. Derer gibt es einige, auch bei den Grünen. Sie sehen vor allem den Politiker, extrem begabt, unkonventionell denkend, als OB erfolgreich. Aber sie wissen auch, dass Palmer ein Pulverfass ist, das sich provozieren lässt, nächtliche Facebook-Schlachten schlägt, immer am Rande der Explosion unterwegs. Für ein Regierungsamt, sagen auch sie, brauche er mehr Selbstbeherrschung.

Womöglich kommt das mit dem Minister auch zu früh. Irgendeine Rolle werde er in der neuen Regierung Özdemir schon spielen, heißt es aus der Partei, aber es müsse ja nicht gleich ein offizielles Amt sein. Palmer selbst sagt, er könne dabei helfen, das Vertrauen zur verletzten CDU wieder aufzubauen, mit der man wieder koalieren will. „Er ist sicher kontrovers“, sagt sein guter Bekannter. „Aber er ist auch unglaublich anschlussfähig an konservative Kreise.“ Das könnte gerade jetzt nützlich sein.

Özdemir steht in Palmers Schuld – und umgekehrt. Was sich daraus ergibt? Vor wenigen Wochen sinnierte Palmer über einen Wiedereintritt bei den Grünen: „Hoffnung habe ich“, sagt er. Es wäre ein Anfang.

Artikel 1 von 11