KOMMENTARE

Der Bürokratie-Irrsinn schadet dem Patienten

von Redaktion

Versorgung der Hausärzte

Die aktuelle ärztliche Versorgung geht uns alle etwas an – schließlich ist nahezu jeder einmal in seinem Leben Patient. Deswegen erst einmal die aktuelle erfreuliche Nachricht: Die Zahl der Praxisärzte steigt. Und Bayern steht im bundesweiten Vergleich der Ärzteversorgung solide da. Zwar verzeichnet Bayern ein eher leichtes Plus, aber es ist ein gutes Zeichen, dass der Beruf trotz der zahlreichen Hürden immer noch attraktiv ist.

Doch es gibt einen Makel. Die Behandlungskapazität steigt nicht im gleichen Maße – was keineswegs verwunderlich, aber dafür umso bedenklicher ist. Dass die Zahl der Patienten – der deutschen Alterspyramide geschuldet – kontinuierlich steigt, ist ein grundsätzliches Problem des deutschen Sozialsystems. Hinzu kommt: Viele Ärzte wollen nicht mehr Vollzeit arbeiten oder lassen sich lieber anstellen. Denn eine eigene Praxis bedeutet auch, Dokumentationen, Rechnungen, Überweisungen, alles selbst stemmen zu müssen. Während die teils doch recht spärlich angebotenen Sprechzeiten zum Vorwurf verleiten könnten, Hausärzte würden „Lifestyle-Teilzeit“ betreiben, sind sie schlicht die andere Tageshälfte mit einem Bürokratie-Wust beschäftigt.

Dieses Arbeitspensum wird sich mit den schwarz-roten Plänen verschärfen, wenn die Bundesregierung das sogenannte Primärarztsystem umsetzt. Der Grundgedanke, dass Hausärzte ihre Patienten zu Fachärzten überweisen, hat durchaus Entlastungspotenzial. Aber eben nicht für Hausärzte. Lange Wartezeiten und kurze Patientengespräche könnten so die neue Realität sein. Zwar plant die Koalition die Möglichkeit einer digitalen oder telefonischen Ersteinschätzung, doch dafür braucht es auch passende digitale Werkzeuge. Wie es nicht geht, zeigt die Einführung der elektronischen Patientenakte, mit der die Ärzte auch noch nach knapp sechs Monaten kämpfen. Die Bundesregierung muss also schnell einen realistischen (digitalen) Fahrplan für die Umsetzung des Primärsatzsystems entwickeln, sonst ist der Patient der Leidtragende. Das sollten Regierungsverantwortliche im Hinterkopf haben, wenn sie das nächste Mal etwa das Aus der telefonischen Krankschreibung fordern.

Artikel 1 von 11