Medizin unter Zeitdruck

von Redaktion

Praxen unter Druck: Obwohl es mehr Ärzte gibt, bleibt immer weniger Zeit für Sprechstunden. © imago

München – Das Wartezimmer ist voll, die Sprechstunde überbucht, die Uhr tickt. In vielen deutschen Arztpraxen bleibt pro Patient wenig Zeit. Im Schnitt dauern Gespräche laut einer Studie der Cambridge University nur knapp acht Minuten. Gleichzeitig arbeiten hierzulande immer mehr Ärzte. Wie passt das zusammen?

Ein Blick in die neue Arztzahlstatistik der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zeigt: Zwar steigt die Zahl der Praxisärzte kontinuierlich – 2025 waren mehr als 191.000 Ärzte und Psychotherapeuten mit Kassenzulassung tätig, rund 2300 mehr als im Vorjahr. Doch die verfügbare Arztzeit bleibt begrenzt.

Hausarzt Dr. Oliver Abbushi aus Deisenhofen erklärt, was den Praxisalltag erschwert: „Rund 25 bis 30 Prozent unserer Arbeitszeit entfallen auf Verwaltung. Eine Vollzeitstelle bedeutet deshalb faktisch nur zweieinhalb Tage Patientenkontakt pro Woche.“ Schuld daran seien ein komplexes Abrechnungssystem sowie zahlreiche Verwaltungsvorgaben.

Abbushi sieht einen wichtigen Lösungsansatz in stärkerer Teamarbeit. „Nicht jeder Patient muss zwingend persönlich mit dem Arzt sprechen“, sagt er. Weiterqualifizierte medizinische Fachangestellte könnten einfache Beratungen, Laborwertbesprechungen oder Wundversorgungen übernehmen. Als Beispiel führt er das „Häppi Projekt“ des bayerischen Hausärzteverbandes an, das derzeit erprobt wird. Dabei übernimmt das gesamte Praxisteam die Patientenversorgung, statt dass einzelne Ärzte für jeden Kontakt zuständig sind.

Die hohe Patientenzahl verschärft die Überlastung der Praxen zusätzlich: Deutsche gehen durchschnittlich knapp zehnmal pro Jahr zum Arzt – weit über dem OECD-Durchschnitt von 6,6. „Wir müssen die Zahl der Arztkontakte dringend reduzieren und die Patientenströme sinnvoll lenken“, sagt Abbushi. Auch das geplante Primärarztsystem, nach dem gesetzlich Versicherte bei gesundheitlichen Anliegen zunächst eine Hausarztpraxis aufsuchen sollen, bewertet er als wichtigen Schritt. Insbesondere auch, um wieder zeitnah Termine in den überlaufenden Facharztpraxen zu ermöglichen. Damit Hausärzte nicht überlastet werden, müsse jedoch auch hier stärker auf Teamstrukturen gesetzt werden. „So können wir mehr Patienten versorgen, ohne mehr Ärzte zu benötigen.“

Neben der Patientenzahl beeinflussen auch veränderte Arbeitsmodelle die verfügbare Arztzeit. Die KBV stellt in ihrer Arztzahlstatistik einen zunehmenden Trend zu Teilzeit und flexiblen Arbeitszeiten fest. Der Teilzeitanteil kletterte 2025 auf 40 Prozent. In Vollzeit arbeiten nun gut 98.000 Ärzte – zwölf Prozent weniger als vor zehn Jahren. Auch in Abbushis Hausarztpraxis lässt sich diese Entwicklung erkennen. Der Mediziner selbst arbeitet zwar in Vollzeit, die drei weiteren Fachärztinnen in seinem Team dagegen in Teilzeit. „Sie sind alle Mütter mit Kindern.“ Die Medizin werde zunehmend weiblicher: „Inzwischen sind circa 70 Prozent der Uni-Absolventen Frauen.“

Besonders junge Mediziner tendieren laut KBV außerdem zur Anstellung statt zur eigenen Praxis. KBV-Chef Andreas Gassen betrachtet dies mit Sorge: Ohne Praxen laufe in der Gesundheitsversorgung so gut wie nichts. Abbushi erklärt, viele junge Mediziner hätten Vorbehalte, sich selbstständig zu machen – auch wegen des Verwaltungsaufwands.

Den versucht Abbushi zu minimieren. Trotz des hohen Arbeitspensums bemüht er sich, für jeden Patienten durchschnittlich zehn bis 15 Minuten Zeit zu finden. „Das ist zwar herausfordernd, aber es lohnt sich immer.“

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