Gute Atmosphäre: Auch beim großen Streitgespräch ging es freundschaftlich-kollegial zu. © Schlaf
Partner im Alltag: OB Reiter und sein Stellvertreter Krause während einer Sitzung des Stadtrats. © Schmidhuber
Damit hatten die wenigsten gerechnet: Das Rennen um den Chefsessel im Münchner Rathaus ist richtig spannend: OB Dieter Reiter (SPD, 67) holte im ersten Wahlgang 35,6 Prozent, Dominik Krause (35) überraschend starke 29,5. Der Grüne gewann sogar an den Urnen am Wahltag, während Reiter bei den Briefwahlen klar führte. Jetzt also Stichwahl. Im großen Streitgespräch unserer Zeitung treffen die beiden im Pressehaus aufeinander. Die Atmosphäre ist freundlich, man kennt und duzt sich. Aber in der Diskussion ist der Ton dann doch etwas kontroverser als im bisherigen Wahlkampf.
Herr Reiter, sagen Sie doch mal was Nettes über Herrn Krause.
Reiter: Das geht ja gut los. (lacht) Er ist im persönlichen Gespräch immer absolut höflich, wir gehen seit Jahren respektvoll miteinander um. Er ist ein guter Stellvertreter.
Und was kann Dieter Reiter besonders gut?
Krause: Er hat diese Stadt gut geführt. Die Zusammenarbeit ist fair und wertschätzend.
Warum soll er dann nicht mehr OB sein?
Krause: Weil nach zwölf Jahren Zeit für was Neues ist. Zeit zum Anpacken, nicht für „Passt“.
Warum sollte man nicht Dominik Krause wählen?
Reiter: Man sollte Dieter Reiter wählen. Weil auf uns extrem schwierige Zeiten zukommen und ich zwölf Jahre Erfahrung habe in schwierigsten Phasen, in veritablen Krisen. Wir werden keine goldenen Jahre mehr haben. Meine Erfahrung kann helfen.
Wenn Erfahrung so ein großes Pfund ist – ist Krause also zu jung?
Reiter: Es ist nicht zwingend eine Frage des Lebensalters, sondern der Erfahrung.
Krause: Nicht das Alter ist das Problem, auch nicht bei ihm, sondern es geht um den Willen zur Erneuerung. Wenn wir jetzt nicht handeln, auch mit neuen Schulden für Wohnungen,
ÖPNV, Klimaschutz, werden wir in 20, 30 Jahren deutlich größere Probleme bekommen.
Herr Reiter, Sie scheinen erst jetzt, nach dem ersten Wahlgang, richtig aufgewacht zu sein. Wie wollen Sie das Vertrauen zurückgewinnen? Im Vollsprint?
Reiter: Für einen Marathon ist auch keine Zeit mehr. Klar – dieses Wahlergebnis habe ich mir so nie vorgestellt. Ich war zwölf Jahre ganz gut, habe dann drei Wochen lang falsch gemacht, was man falsch machen konnte: Kommunikativ schlecht, und der Eindruck ist entstanden, ein Oberbürgermeister halte sich nicht an Regeln. Ich kann dafür nur um Entschuldigung bitten. Ich habe die FC-Bayern-Ämter abgegeben und spende das Geld. Jetzt habe ich 30, 35 Termine für die nächsten acht Tage. Und ich sage allen: Bitte macht nicht die letzten drei Wochen zur Grundlage eurer Wahlentscheidung, sondern die letzten zwölf Jahre.
Der OB hat sich öffentlich entschuldigt. Nehmen Sie die Entschuldigung an, und nehmen Sie‘s ihm ab?
Krause: Ich habe mich bisher nicht zu dieser Sache geäußert und werde das auch heute nicht tun.
Um OB zu werden, brauchen Sie die CSU-Wähler. Wie wollen Sie die jetzt für sich begeistern?
Krause: Ich werde mich nicht dafür verbiegen. Aber die CSU hat ja nur eine Option, Teil einer Koalition zu werden – mit uns Grünen. Mit einem OB Reiter wäre Grün-Schwarz deutlich schwieriger als mit mir. Ich bin rund um die Uhr unterwegs und höre oft, auch von grünen, roten, schwarzen Wählern: Ach, ein junger OB würde der Stadt guttun!
Reiter: Die CSU-Wähler sind signifikant enttäuscht. Es dauert ein paar Tage, bis dieser Schock überwunden ist. Meine wichtigste Botschaft an alle: Geht‘s wählen, auch ein zweites Mal! Diese Wahlentscheidung wird die Stadt für lange Zeit prägen. Und: Die CSU-Wähler wissen, wenn sie auf die nächsten Jahre, Jahrzehnte je wieder auf einen schwarzen OB hoffen wollen, ist die Wahl von Dominik Krause nicht der größte Hoffnungsschimmer.
Krause: Du attestierst mir, dass ich lange OB bleibe?
Reiter: Diese Vermutung höre ich in CSU-Kreisen.
Krause: Das ist eigentlich ein Lob.
Reiter: Das ist Teil des respektvollen Umgangs, den wir uns versprochen haben.
Wenn Sie gewinnen – welches Tempolimit gilt dann auf der Landshuter Allee?
Reiter: Gute Frage – weil ich es nicht allein entscheiden kann. Wir werden den Stadtrat mit einem neuen Luftreinhalteplan befassen, dann hängt‘s an Mehrheiten. Ich wäre für Tempo 50. Es gibt Grenzwerte, und die halten wir damit ein.