Müntes ganz persönliche Rentenreform

von Redaktion

Roter durch und durch: Franz Müntefering. © Hanschke/dpa

München – Franz Müntefering war 81, als er sein letztes politisches Amt aufgab. Der frühere SPD-Chef, Vizekanzler und Bundesminister (Verkehr, Arbeit) trat vor fünf Jahren ab als Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen. Aber wie das in der Politik häufig ist: Niemals geht man so ganz. Auch heute, mit 86, ist Müntefering noch hochengagiert.

Jüngster Beleg ist ein Interview, das er gerade dem „Handelsblatt“ gegeben hat. Darin schneidet der knorrige Sauerländer (Spitzname „Münte“) einige der ganz großen Themen an, vor allem aber eines, das auch für ihn besondere Relevanz hat: das Altern.

Den größten Handlungsbedarf für die Politik sieht er in der Pflegeversicherung. Sowohl finanziell als auch bei der personellen Ausstattung müsse dringend etwas passieren, ansonsten dürfte aufgrund des demografischen Wandels „das System schwierig aufrechtzuerhalten sein“.

Münteferings Ideen, wie auch im Alter das Leben Leichtigkeit bewahren kann, sind sehr konkret und alltagsorientiert. Er plädiert etwa für Kurse, um Senioren darin zu schulen, „wie sie sich körperlich fit halten können, auf was sie bei der Ernährung achten müssen“. Er hat sie „Sen-Seminare“ getauft. Der Gedanke dahinter: „Überlegen Sie mal, wir könnten die Pflegebedürftigkeit bei Menschen um ein oder zwei Jahre nach hinten schieben – das wäre ein riesiger Erfolg für die Betroffenen, gesellschaftlich und für die Finanzierung der Pflegeversicherung.“

Politiker sind in diesem Punkt nicht repräsentativ. Friedrich Merz ist im November 70 geworden, Müntefering selbst wurde mit 65 Vizekanzler unter Angela Merkel. Er weiß aber, dass jenseits der Politik andere Regeln gelten: „Wenn man 65 oder 66 Jahre alt wird, blinkt das rote Lämpchen, und dann steht da das Wort Ruhestand. Das ist das schlimmste Wort, das es gibt. Es sagt aus, dass jemand nicht mehr gebraucht wird.“

Sein Vorschlag, um gegenzusteuern, ist radikal. „Menschen 60 plus sollten ein Anrecht darauf erhalten, ihren Arbeitsvertrag ein oder zwei Jahre über das Renteneintrittsalter hinaus zu verlängern.“ Ein Chef habe dann keine Möglichkeit mehr, „das abzulehnen, solange das Unternehmen nicht beweisen kann, dass es keine Aufgabe für den Arbeitnehmer gibt“.

Ihm ist bewusst, dass diese Haltung nicht nur auf Zustimmung stößt. Müntefering war 2007 als Arbeitsminister maßgeblich daran beteiligt, das Renteneintrittsalter von 65 auf 67 Jahre anzuheben. Populär war das damals nicht, aber aus seiner Sicht notwendig: „Man darf Reformen nicht nur als Zumutung verkaufen, sondern als Ermöglichung: Wir wollen gut leben, gut alt werden – und das ist uns etwas wert. Dafür müssen wir auch etwas leisten.“MB

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