München war wie eine große Bühne, zwei Wochen lang. Vorhang auf für die Kandidaten Dieter Reiter und Dominik Krause! Im OB-Stichwahlkampf standen der SPD-Amtsinhaber und der grüne Gegenkandidat im Scheinwerferlicht wie selten zuvor. Und das ist gut so.
Der Wirbel um Reiters ungenehmigte FC-Bayern-Nebenverdienste hat dafür gesorgt, dass das passiert ist, was man sich eigentlich vor jeder Wahl wünschen würde. Dass nämlich breite Schichten der Bevölkerung tief eintauchen in die Politik. Dass sie mit Muße und Herzblut gut informiert abwägen, wem sie die Verantwortung im Rathaus geben wollen. Eben weil nicht von vornherein klar ist, wie die Sache ausgeht.
Reiter und Krause, die sich nach der ersten Wahl-Runde wider Erwarten in einem völlig offenen Rennen wiederfanden, gewannen deshalb nun auch spürbar an Kontur – und zwar in inhaltlichen Debatten ohne Hickhack. Mit offenem Visier und gleichzeitig mit spürbarem Respekt füreinander traten sie in den Wettstreit der Argumente. Wohnen, Verkehr, Wiesn und viele andere Themen: Die Ideen der beiden sind unterschiedlicher, als in den Monaten zuvor sichtbar gewesen war. Das zeigte sich unter anderem auch beim OB-Streitgespräch unserer Zeitung. Da offenbarten sich Dinge wie Krauses Perspektive, dass in fünf bis zehn Jahren nur noch Elektro-Autos innerhalb des Mittleren Rings fahren sollen. Oder Reiters Abkehr vom Wohnungsbau-Ansatz der SEM (Mega-Projekte mit möglichen Enteignungen), weil er zur Ansicht kam, dass sich die Bürger übergangen fühlten und so kein Fortschritt erzielt werden kann.
So gesehen war der Weg zu dieser Stichwahl ein Glücksfall: Er hat die Politik ins Leben und Leben in die Politik gebracht. Nach zwei Wochen, in denen zunächst das heiße Herz regierte und die Emotionen hochkochten (Erfolgstaumel bei den Grünen, blankes Entsetzen bei der SPD), ist jetzt die Zeit des kühlen Kopfs. Das gilt für alle, die nun über den nächsten Oberbürgermeister abstimmen. Nicht anhand der Frage, welchen Kandidaten die Wähler sympathischer finden, sondern anhand der Frage, welchem der beiden sie zutrauen, die Stadt in den kommenden sechs Jahren am besten zu führen. Die Münchner haben die Wahl – und haben eine gute Grundlage dafür, sie zu treffen.ULRICH.HEICHELE@OVB.NET