Angriffe und Explosionen im Iran. Rechts: Benjamin Netanjahu.
Tel Aviv/Teheran – Bei seinen Drohungen gegen die iranische Führung gibt sich der israelische Verteidigungsminister ganz besonders martialisch. Keine ranghohe Person im iranischen Machtapparat sei mehr sicher, sagt Israel Katz diese Woche nach der Tötung des iranischen Geheimdienstministers Ismail Chatib. Jeder wichtige Funktionär könne nun „ohne weitere Genehmigung“ direkt von der Armee eliminiert werden.
Doch welche Strategie steckt dahinter? Seit Beginn des Kriegs gegen den Iran am 28. Februar gab es widersprüchliche Angaben Israels und der USA zu den konkreten Kriegszielen und zur Dauer. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bekräftigte zuletzt, Ziel sei es, dem iranischen Atom- und Raketenprogramm, durch das Israel sich existenziell bedroht sieht, „tödliche Schläge“ zu versetzen. Die Angriffe könnten zudem die Bedingungen für einen Sturz der Machthaber schaffen – dies hänge jedoch vom iranischen Volk ab. Gestern Abend erklärte Netanjahu in einer Pressekonferenz, der Iran sei nicht mehr in der Lage, Uran anzureichern und ballistische Raketen herzustellen. Das Regime in Teheran sei „schwächer denn je“.
Kritiker werfen Netanjahu vor, er verfolge mit dem Krieg im Wahljahr auch persönliche Ziele – der Kampf gegen den Iran sei eine Art Befreiungsschlag für den Premier, gegen den seit sechs Jahren ein Korruptionsprozess läuft. Sein politisches Erbe ist vom Versagen während des Hamas-Massakers 2023 überschattet.
Mit dem Ziel einer Schwächung des iranischen Machtapparats hat Israel bereits zahlreiche seiner ranghohen Mitglieder ins Visier genommen, darunter auch Irans obersten Führer, Ali Chamenei. Am Montag wurde außerdem der einflussreiche Generalsekretär des Sicherheitsrats, Ali Laridschani, gezielt getötet. Dazu kommen unerbittliche Schläge gegen die Revolutionsgarden und die Basidsch-Milizen. Beide stehen auch hinter der brutalen Niederschlagung der Proteste im Januar.
Israel und die USA hätten bisher klare operative Erfolge im Krieg erzielt, sagt der angesehene israelische Iran-Experte Danny Citrinowicz in einem Podcast. Besonders die iranische Rüstungsindustrie sei um Monate, vielleicht Jahre zurückgeworfen. Der Wiederaufbau werde sicherlich deutlich schwerer sein als nach dem letzten Krieg im Juni 2025.
Der französische Politikwissenschaftler Sébastien Boussois vergleicht den iranischen Machtapparat indes mit einer Hydra: Wenn man einen Kopf abschlage, wüchsen gleich mehrere nach. Das System ist absichtlich so aufgebaut, dass sein Überleben nicht von einer einzelnen Person abhängt.
Zu der Hoffnung, dass die Schwächung des iranischen Machtapparats die Menschen im Land dazu bewegen könnte, erneut zu Protesten auf die Straße zu gehen, sagt Citrinowicz: „Die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering.“ Netanjahus Aufstands-Appelle finden viele Iraner zynisch. Denn der iranische Sicherheitsapparat hat angekündigt, mit voller Härte gegen neue Proteste vorzugehen. Werden Demonstranten erneut niedergemetzelt? Der Iran-Experte warnt, dass der Krieg nicht nur sein Ziel verfehlen, sondern auch eine weitere Radikalisierung der iranischen Führung bewirken könnte.