WIE ICH ES SEHE

Die sechs Fastensonntage vor Ostern

von Redaktion

Der Palmsonntag, den wir an diesem Wochenende feiern, ist der letzte Fastensonntag vor Ostern. Er erinnert an den Einzug von Jesus in Jerusalem auf einem Esel in die Stadt reitend. Die Menschen begrüßen ihn als einen König und legen Palmzweige wie Kleider auf seinen Weg. In den Palmsonntags-Prozessionen wird daran mit Zweigen und Segnung der Weidekätzchen („Palmkätzchen“) erinnert. Er eröffnet die Karwoche und damit die wichtigste Woche im Kirchenjahr.

Fünf Fastensonntage gehen dem Palmsonntag voraus. Deren lateinische Namen – von Invocabit bis Judica – sind aber seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil aus der Liturgie auch der katholischen Kirche verbannt. Aber die Älteren unter uns, ganz gleich, ob katholisch oder evangelisch, erinnern sich noch daran, wie wir diese Namen im kirchlichen Unterricht zu lernen hatten. Die Fastensonntage also werden nummeriert von römisch I bis V und dazu kommt Palmsonntag, der schon zum Oster-Festkreis gehört. Weil aber die reinen Zahlen zu nüchtern wären, haben die Sonntage Namen, die nach dem Eingangssatz (Introitus) einer jeweils zugehörigen biblischen Stelle gebildet sind: Invocabit (I): Er ruft mich an und ich erhöre ihn Reminiscere (II): Gedenke deiner Barmherzigkeit, Herr Oculi (III): Meine Augen schauen stets auf den Herrn Laetare (IV): Freue dich Jerusalem Judica (V): Schaffe mir Recht, o Gott Palmsonntag: Herr, halte deine Hilfe nicht fern von mir.

Zum Behalten dieser Namen gibt es eine weitverbreitete und recht unchristliche „Eselsbrücke“ aus der Jägersprache. Dabei geht es um die Schnepfenjagd. Diese Zugvögel kehren im März zurück aus ihren südlichen Winterquartieren. Die Jagd auf die Waldschnepfen hängt eng zusammen mit ihrem sogenannten „Schnepfenstrich“, dem auffälligen Balzflug der Männchen in der Dämmerung.

Der unchristliche Merkvers für die Fastensonntage mit Bezug auf die Schnepfen geht so: „Invocabit – sie sind gerufen. Reminiscere – an die Gewehre! Soll heißen, die Gewehre müssen vorbereitet werden. Oculi – schaue sie an, die Schnepfen. Laetare – freue dich, sie kommen. Judica – sie fällt Palmsonntag – sie hängt in der Küchenkammer“.

Solche „Lernhilfen“ bekam man früher von Erwachsenen, die an den Fastensonntagen lieber auf die Jagd gingen als in die Kirche. In Deutschland ist heute die rücksichtslose Frühjahrsjagd auf Schnepfen schon lange verboten. Aber das ist nicht der Grund dafür, dass die lateinischen Namen der Fastensonntage vor Ostern nur noch zum entferntesten kulturellen Hintergrund gehören. Die meisten von uns sind Kulturchristen geworden, ohne aktive Teilnahme am kirchlichen Leben.

Die hohen Zahlen der Kirchenaustritte sprechen Bände. Die Berichte über die jahrelange Vertuschung von sexuellen Missbräuchen einiger Priester mit anvertrauten Jugendlichen sind erschreckend. Und auch in den Einrichtungen der evangelischen Kirchen hat es das gegeben. Aber Verfehlungen des kirchlichen Personals sind kein Grund, mit Gott zu brechen. Es darf nicht so weit kommen, dass, wenn es ums Fasten geht, uns der muslimische Ramadan eher einfällt als die christlichen Fastensonntage vor Ostern.

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