Während die meisten Airlines ihre Kunden mit Wohlfühl-Kampagnen umschmeicheln, setzt der Billig-Flieger Ryanair auf Krawall-PR: Der Chef kündigt Stehplätze im Flieger an, auf Twitter gibt es beißenden Spot für nörgelnde Passagiere. Doch warum schauen Millionen Menschen freiwillig Werbung – und weshalb zieht sich die Airline trotz teurer Konkurrenz aus Deutschland zurück? Das hat uns Marketing-Chef Dara Brady in München erklärt.
Herr Brady, wie sind Sie zu uns gereist? Lufthansa, British Airways oder Ryanair?
Wir haben immer einen ziemlich straffen Zeitplan, deshalb mussten wir mit Aer Lingus direkt von Dublin nach München fliegen. Ryanair selbst würde den Flughafen wegen der hohen Gebühren nicht direkt ansteuern. Unser nächstgelegener Standort ist Memmingen.
Ryanair fliegt meist von kleinen Flughäfen und schafft so zweistellige Ticket-Preise. Bekommt man bei Ihnen einfach weniger oder sind Sie wirklich günstiger?
Ohne Kerosin haben wir pro Passagier Kosten von rund 36 Euro. Bei der Lufthansa sind wahrscheinlich mehrere 100. Zwischen Landung und Start vergehen bei uns nur 25 Minuten, damit schaffen wir sechs Flüge am Tag. Bei der Lufthansa sind es oftmals zwei. Wir können unser Personal und unsere Maschinen also viel besser auslasten. Außerdem gehören uns alle Maschinen – und wir haben sie sehr günstig beschafft. Nach dem 11. September, als niemand Flugzeuge haben wollte, haben wir mehrere 100 Stück gekauft. Das Gleiche haben wir während der Corona-Pandemie gemacht. Und nächstes Jahr wollen wir schuldenfrei sein.
Sie sind berüchtigt dafür, für alles Gebühren zu erheben.
Bei einem Ryanair-Ticket bekommen Sie einen Sitzplatz und dürfen ein kleines Handgepäck mitnehmen. Größere Koffer, Fensterplätze oder Kaffee an Bord muss man dazu buchen. Und viele Gäste sind glücklich damit, nur mit einem Rucksack zu reisen. So funktioniert das Kurzstrecken-Geschäft, das machen alle Airlines so.
Ihr Marketing ist unkonventionell. Ihr Chef Michael O‘Leary sagte, er würde gern Stehplätze anbieten. Wieso funktioniert das?
Das Wichtigste ist, dass wir uns nicht so ernst nehmen und gern Witze über uns selbst machen. Wir haben seit 2006 einen Twitter-Account und seit 6 bis 7 Jahren stecken wir viel Mühe in Kanäle wie Tiktok. Und wenn sich jemand sich da beschwert, dass er keinen Fensterplatz hat, sagen wir vielleicht, „oh mein Gott, du fliegst für 14 Euro nach Neapel, du hast es so schwer“. Also wir machen uns über Erste-Welt-Probleme lustig, und die Leute auf Social-Media scheinen es zu genießen. Wir würden uns aber nicht über echte Sorgen mokieren.
Das ist ja auch preiswertes Marketing.
Ja klar, wir geben sehr wenig Geld für Werbung aus. Vielleicht zu Weihnachten zwei Wochen Fernseh-Spots in Großbritannien. Aber den Rest machen wir über unsere eigenen Kanäle, und da versuchen wir möglichst viel Lärm zu machen.
MATTHIAS SCHNEIDER