Ahmed al-Scharaa isst am Montag mit dem Kanzler zu Mittag. © dpa
Berlin – Der einstige Dschihadistenführer Ahmed al-Scharaa hat den Tarnanzug schon vor einiger Zeit gegen feinen Zwirn und Krawatte ausgetauscht. Und den Übergang vom Schlachtfeld aufs diplomatische Parkett hat der syrische Übergangspräsident ohne größere Mühe hinbekommen, er war schon bei Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron im Elysée-Palast und bei US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus zu Gast. Heute absolviert al-Scharaa seinen Antrittsbesuch in Berlin. Und der Bundesregierung ist bewusst, dass sie es mit einem schwierigen Gast zu tun hat.
Schon im Vorfeld gab es scharfe Kritik an der Berlin-Reise des früheren Anführers der einst mit dem Terrornetzwerk Al-Kaida verbündeten Al-Nusra-Front und der Nachfolgemiliz Hajat Tahrir al-Sham. „Das Treffen von Merz mit al-Sharaa ist kein diplomatischer Schritt, sondern ein moralischer Bankrott“, erklärte die Linken-Abgeordnete Cansu Özdemir. Merz normalisiere Islamisten, „die unliebsame ethnische und religiöse Bevölkerungsgruppen, wie Christen, Alawiten, Drusen und Kurden massakrieren“. Die Kurdische Gemeinde Deutschland (KGD) wirft al-Scharaa Menschenrechtsverletzungen, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor
Doch in Damaskus führt nun einmal al-Scharaa die Regierung, seitdem von ihm angeführte islamistische Milizen am 8. Dezember 2024 den langjährigen Machthaber Baschar al-Assad gestürzt hatten. Und für die Bundesregierung gibt es in Syrien handfeste Interessen: Berlin hofft auf eine Stabilisierung des Landes, in dem zwischen 2011 und 2024 ein Bürgerkrieg getobt hatte, und auf einen Wiederaufbau. Nicht zuletzt, damit syrische Bürgerkriegsflüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren. Und damit syrische Straftäter leichter abgeschoben werden können.
Al-Scharaa darf also trotz seiner schwierigen Vergangenheit einen freundlichen Empfang erwarten, im Kanzleramt gibt es sogar ein gemeinsames Mittagessen mit Merz. Ganz so überschwänglich wie bei Trump dürfte der Tonfall aber nicht werden: Der US-Präsident hatte den 43-jährigen Übergangspräsidenten bei ihrem ersten Treffen als „jungen, attraktiven Kerl“ bezeichnet.FABIAN ERIK SCHLÜTER