Auf dem (blut)roten Teppich: Syriens Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa wird von Friedrich Merz vor dem Kanzleramt empfangen. Rechts: Jubel-Rufer in Berlin. © dpa
Berlin/München – Aussehen mag es wie ein normaler Staatsbesuch. Roter Teppich, eine Suite im noblen Hotel Ritz Carlton, Blaulichtkolonnen über gesperrte Straßen, dazu ein höflicher Empfang durch den Bundeskanzler und den Bundespräsidenten. Aber normal ist wenig, denn der hier hofierte Gast war neulich noch ein gesuchter Top-Terrorist, dem das Blut von den Händen tropft. Ahmed al-Scharaa hat seinen Antrittsbesuch in Berlin absolviert.
Der syrische Übergangspräsident (43) wird nicht wegen seiner Vergangenheit als Anführer der Islamistenmiliz HTS hofiert – sondern weil er für die deutsche Politik die einzige Hoffnung ist, jene syrischen Asylbewerber wieder loszuwerden, die sich nicht integrieren. Der unausgesprochene Deal: al-Scharaa bekommt schöne Bilder aus Berlin, Berlin bekommt von ihm die Zusage, seine Bürger wieder zurückzunehmen, vor allem die straffälligen.
Vorerst sieht es so aus, als würde der Handel funktionieren. Vom Gespräch bei Kanzler Friedrich Merz (CDU) brennt sich eine große Zahl ein: In den nächsten Jahren sollen 80 Prozent der mehr als 900.000 Syrer in Deutschland in ihr Heimatland zurückkehren. Merz nennt die Zahl im Kanzleramt und ergänzt, dass Staatsoberhaupt al-Scharaa sich dies wünsche. Der Kanzler dankt der deutschen Bevölkerung, die über Jahre bereit gewesen sei, hunderttausende Flüchtlinge aufzunehmen. „Aber der Bürgerkrieg ist zu Ende. Und jetzt gibt es grundsätzlich die Perspektive, auch in das Heimatland Syrien zurückzukehren.“
Deutschland hat während des 14-Jahre-Bürgerkriegs mehr syrische Flüchtlinge aufgenommen als jedes andere EU-Land. Ende 2025 waren nach Angaben der Bundesregierung noch rund 940.000 in Deutschland. 512.348 von ihnen hatten einen Schutzstatus, etwa als Asylberechtigte. Legt man diese Zahlen zugrunde, ist die Rückkehr von mehr als 750.000 Syrern innerhalb von drei Jahren das Ziel – darunter auch eine sechsstellige Zahl mit einem Schutzstatus. Zum Vergleich: Nach Angaben des Bundesinnenministeriums sind seit Januar 2025 mindestens 9.777 syrische Staatsangehörige freiwillig ausgereist. Ist das also realistisch?
Vordringlich zurückgeführt werden sollten Straftäter, sagt Merz – gut integrierte Syrer sollen bleiben. Al-Scharaa habe über Ärzte und Pflegepersonal gesprochen – Deutschland habe ein Interesse daran, dass diese Menschen hier blieben.
Al-Scharaa dankte Deutschland für die Aufnahme der syrischen Geflüchteten in Deutschland. „Wir werden niemals vergessen, wie Sie Ihre Türen für eine Million Syrer geöffnet haben, als diese in größter Not waren und ihnen alle anderen Türen verschlossen blieben“, sagte al-Scharaa. Der Wiederaufbau beginne jetzt. Dafür könnten auch die Syrer aus Deutschland einen Beitrag leisten.
Es fanden in der Hauptstadt mehrere Demonstrationen für und gegen den Besuch statt. Die Polizei war mit einem Großaufgebot im Einsatz. Unter anderem wurde al-Scharaa mit „Allahu Akbar“-Rufen empfangen.
Die CSU sieht sich durch al-Scharaas Besuch (und seine feiernden Syrer) bestätigt. „Der Jubel-Empfang für den syrischen Übergangspräsidenten in Berlin zeigt: Es braucht jetzt eine Rückkehr-Roadmap, damit Syrer mit vorübergehendem Bleiberecht in ihre Heimat zurückkehren“, sagte Landesgruppenchef Alexander Hoffmann unserer Zeitung. „Der Bürgerkrieg in Syrien ist vorbei, jetzt muss das Land wieder aufgebaut werden.“ Hoffmann sieht hier vor allem diejenigen in der Pflicht, „die sich in Deutschland nicht integriert haben, nicht arbeiten und auf Sozialleistungen angewiesen sind“. Die Grünen-Vorsitzende Franziska Brantner nannte Merz‘ Rückkehrquote indes „abenteuerlich“. „Für viele Menschen ist der Rückweg nach Syrien überhaupt noch gar keine Option“, sagte sie.