Jerusalem – Die Kar- und Ostertage in der wichtigen Region der Christenheit werden wegen des Iran-Kriegs nur in einem sehr begrenzten Rahmen stattfinden. Nach dem Eklat um die Grabeskirche am Palmsonntag, als Sicherheitskräfte den Lateinischen Patriarchen, Kardinal Pierbattista Pizzaballa, abgewiesen hatten (wir berichteten), haben anschließend Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Präsident Isaac Herzog dem Kardinal Zugang zu dem Gotteshaus zugesichert.
Während der Abt der Dormitio-Abtei in Jerusalem, Nikodemus Schnabel, gegenüber unserer Zeitung seine Empörung über die Maßnahmen äußerte („Was da passierte, ist wirklich ein Skandal und in meinen Augen ein Verstoß gegen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, nämlich die Religionsfreiheit“), gab es gestern Gespräche zwischen Kirchenvertretern und der Polizei. Dabei wurde vereinbart, dass die traditionellen Zeremonien in einem symbolischen und begrenzten Maße stattfinden sollen, berichtete die Katholische Nachrichten-Agentur.
Man sei sich einig, dass unter den aktuellen Bedingungen keine Großveranstaltungen zugelassen werden könnten. Zu Gottesdiensten dürften maximal 50 Menschen kommen. An der Karfreitagsprozession in Jerusalem, die sich durch die Via Dolorosa zieht, nahmen in Friedenszeiten bis zu 50 000 Gläubige teil.
In der Grabeskirche ist laut Abt Nikodemus derzeit nur eine kleine Gruppe von Mönchen. Mit dem Patriarchen und dem Franziskaner-Kustos wären es am Palmsonntag zwölf Gottesdienstteilnehmer gewesen. „Eine Gebetsgemeinschaft, die weit unter den gesetzlich erlaubten 50 Personen ist.“ Pizzaballa sei auch nicht provokativ zur Grabeskirche gegangen. Aber dem Bischof, der zur Kooperation bereit sei, den Zugang zu seiner Kathedrale zu verweigern, sei ein Skandal. Das lasse nichts Gutes erahnen, was die Behandlung von Christen in Israel betreffe. Man erlebe seit Jahren eine wachsende Feindseligkeit gegenüber Christen. Der zuständige Minister für die nationale Sicherheit sei Itamar Ben-Gvir, ein notorischer Christenhasser.
Erstmals seit Jahrhunderten hatte am Palmsonntag der Beginn der Karwoche in der heiligsten Kirche der Christenheit ohne den Patriarchen stattgefunden. Unterdessen bemühen sich Politik und Kirche um eine Beruhigung der Lage. Netanjahu rechtfertigte die Entscheidung mit Raketenangriffen durch den Iran. Dabei seien Trümmerteile nur wenige Meter von der Grabeskirche entfernt eingeschlagen. Abt Nikodemus hält das für vorgeschoben. Er hat die Sorge, dass rechte Kreise in der Regierung im Schatten des Krieges Fakten schaffen wollen, um die Christen zu verdrängen. „Es gibt Gruppen, die uns abgrundtief hassen.“
Skurril sei, dass zwar die Altstadt von Jerusalem von scharfen Regeln betroffen sei, in der angrenzenden Neustadt aber die Cafés und Geschäfte geöffnet seien. Als er gestern von Bethlehem nach Jerusalem zurückgefahren sei, habe er Kräne in Aktion gesehen, sagte er unserer Zeitung: „Um den Kranführer in seinem Häuschen hätte ich mehr Angst als um den Patriarchen in der festgemauerten Grabeskirche.“CLAUDIA MÖLLERS