Der rote Teppich für den syrischen Präsidenten symbolisiert das uralte Dilemma zwischen Realpolitik und Moral. Denn das, was die Kritiker dieses Staatsbesuchs anführen, ist natürlich alles richtig: Al-Scharaa ist ein Islamist, der durch Gewalt, nicht durch Wahlen an die Macht gekommen ist. Er lässt zu, dass Minderheiten wie syrische Christen, Kurden oder Alawiten Verfolgung und Tod fürchten müssen.
Aber wahr ist auch, dass al-Scharaa derzeit der einzige ist, der Syrien vor neuem Bürgerkrieg und Chaos bewahren kann. Er arbeitet mit der internationalen Koalition gegen den Islamischen Staat (IS) zusammen und bemüht sich, die Kontakte mit dem Westen zu pflegen. Diese ausgestreckte Hand muss ergriffen werden – insofern ist es richtig, dass auch Kanzler Merz das Gespräch sucht. Wer den Nahen Osten stabilisieren will, kommt an al-Scharaa nicht vorbei. Und wer daran glaubt, dass Diplomatie nicht vom Recht des Stärkeren ersetzt werden darf, muss auch mit denen reden, die unsere Werte nicht teilen.
Und natürlich geht es auch ums Asyl. Die Exil-Syrer, die al-Scharaa gestern in Berlin mit Alahu-Akbar-Chören zujubelten, müssen sich schon die Frage gefallen lassen, warum sie nicht in ihre Heimat zurückkehren. Aber wahr ist eben auch, dass Alawiten oder Kurden weiterhin Verfolgung im neuen Syrien fürchten müssen. Pauschaler Schutz für Syrer ist deshalb genauso falsch wie pauschale Abschiebungen.KLAUS.RIMPEL@OVB.NET