Erfolgreiche Integration: Akid Khaled kam 2015 nach Deutschland. Inzwischen ist er Staatsbürger und Metallindustriemeister. © privat
München – Als Akid Khaled im Jahr 2015 nach Bayern kommt, nimmt ihn die Bundespolizei zunächst fest. Khaled, aufgewachsen in der syrischen Stadt Al-Malikiya, spricht kein Deutsch, hat keine Arbeit – und wollte eigentlich nie hierher. Ziel seiner Flucht: ein sicheres, englischsprachiges Land. Doch heute, rund elf Jahre später, erzählt der 37-Jährige seine Geschichte in nahezu fehlerfreiem Deutsch.
Die ersten Monate verbringt der Kurde aus Syrien in Bewegung: München, Ingolstadt, Schongau. „Das war eine schwierige Zeit“, sagt er heute. Erst in Penzberg gelingt es ihm, Fuß zu fassen. Beim Probearbeiten in dem Maschinenbaubetrieb Niebling überzeugt er den Geschäftsführer mit seiner ruhigen Art. Khaled lernt Deutsch und absolviert eine Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker. Seit Juli 2025 ist er Metallindustriemeister.
Khaleds Weg ist kein Einzelfall. Er steht für eine Entwicklung, die sich auch in den Zahlen zeigt: Die deutsche Wirtschaft sucht händeringend Fachkräfte – und viele Geflüchtete haben begonnen, diese Lücke zu füllen. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit sind inzwischen rund 320.000 Syrer beschäftigt, mehr als 266.000 von ihnen sozialversicherungspflichtig – sie zahlen in Renten- und Arbeitslosenversicherungen ein.
Doch seit dem Ende des Bürgerkriegs in Syrien wird verstärkt über eine Rückkehr von Geflüchteten diskutiert. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte am Montag nach einem Treffen mit dem syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa erklärt, in den kommenden drei Jahren könnten bis zu 80 Prozent der mehr als 900.000 Syrer in Deutschland in ihre Heimat zurückkehren – rund 720.000 Menschen.
Am Dienstag distanzierte sich Merz von dieser Aussage. Aus dem Kanzleramt hieß es, er habe lediglich eine Einschätzung des syrischen Übergangspräsidenten wiedergegeben. Doch die Zahl steht im Raum: 80 Prozent. Daran gibt es vom Koalitionspartner SPD Kritik und auch in der eigenen Partei wird davor gewarnt, unrealistische Erwartungen zu wecken. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) befürchtet zudem eine Verschärfung des Fachkräftemangels: „Wenn tatsächlich 80 Prozent der syrischen Geflüchteten in ihre Heimat zurückkehren, wird das den deutschen Arbeitsmarkt empfindlich treffen.“
Unter ausländischen Ärzten etwa bilden Syrer die größte Gruppe. Ende 2024 haben nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft 5745 syrische Ärzte hierzulande gearbeitet. Auch in der Pflege sind die rund 2000 Fachkräfte aus Syrien, die in Deutschland arbeiten, von großer Bedeutung.
Die meisten Syrer kamen – wie Akid Khaled – um 2015 nach Deutschland. Seit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien im Jahr 2011 verließen Millionen ihr Heimatland. Nach Schätzungen des Flüchtlingshilfswerks UNHCR leben noch immer rund 4,5 Millionen von ihnen im Ausland. Doch mit dem Sturz des langjährigen Machthabers Baschar al-Assad zeichnet sich ein vorsichtiger Wandel ab: Seit dem 8. Dezember 2024 sind laut UNHCR bereits mehr als eine Million Menschen zurückgekehrt.
Khaled, seine Frau und die beiden gemeinsamen Kinder haben inzwischen neben der syrischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft. „Wir fühlen uns in Penzberg zu Hause. Mein Sohn geht in die sechste Klasse, meine Tochter kommt im Herbst in die Schule.“ Die Familie möchte nicht nach Syrien zurückkehren, für sie als Kurden sei es dort nicht sicher. Angst macht Khaled die Debatte dennoch nicht: „Wenn ich wirklich gehen muss, gehe ich“, sagt er ruhig. Er sieht sich jedoch auch in fünf, zehn oder 15 Jahren noch in Penzberg.