Artem ist eines der verschleppten Kinder.
Putins Kinderbeauftragte Lwowa-Belowa ist wegen Verschleppung angeklagt. © imago
München – Es sind Geschichten wie die von Artem, die zeigen: Es geht um Menschen, nicht nur um Land, wenn von russischen Eroberungen in der Ukraine gesprochen wird. Der damals 16-Jährige wurde aus dem Schulunterricht heraus in ein Lager für Waisenkinder verschleppt, nachdem Russland seine Kleinstadt im Donezk erobert hatte. Sein Vater war zuvor bei einer Razzia auf der Suche nach „Partisanen“ vor den Augen des Buben verprügelt worden, verschwand dann in einem Gefängnis.
Sechs Monate blieb Artem mit dutzenden anderen ukrainischen Kindern in dem Lager. „Der Unterricht war auf Russisch, wir mussten täglich die russische Hymne singen. Wenn wir Ukrainisch redeten, wurden wir bestraft“, erzählt Artem. Kontakt zu den Eltern gab es nicht – der Teenager hatte keine Ahnung, ob sein Vater die russische Haft überlebt hatte.
Der junge Ukrainer hatte Glück im Unglück: Nach einem halben Jahr erklärte der Direktor des Waisenhauses, unten warte seine Mutter. Der mittlerweile 17-Jährige durfte heim, war wohl eines der inzwischen rund 2000 Kinder, die unter internationalem Druck auf Moskau und mit Vermittlung von Staaten wie Katar wieder nach Hause durften. Doch nach ukrainischen Angaben gibt es noch immer mehr als 20.000 ukrainische Kinder und Jugendliche, die nach Russland deportiert wurden, dort in Waisenhäusern leben oder von russischen Adoptiveltern großgezogen werden. Dazu kommen laut der ukrainischen Aktivistin Olga Monakh rund 160.000 Kinder in den russisch besetzten Gebieten, die wie die Deportierten zu Russen umerzogen werden sollen.
„Unsere Kinder werden zu Militärmaschinen gemacht, die gegen ihre eigenen Familien kämpfen sollen“, so die Aktivistin der Organisation „Bring the Kids back home“. „Schon im Kindergarten werden sie mit militärischem Drill erzogen, wird Krieg und Gewalt ihnen als Normalität ins Gehirn gebrannt.“ Mit dem Ziel, ihre ukrainische Identität auszulöschen und sie mit Hass gegen den Westen und liberale Werte zu impfen. „Sie können nicht alle Ukrainer töten – deshalb wollen sie sie umerziehen.“
Ein verschleppter Bub aus Cherson erzählt nach seiner Heimkehr, dass er von seinen „Erziehern“ gefragt wurde: „Magst du es Leute zu schlagen? Willst du Panzerfahrer oder Pilot werden?“ Als der Bub schüchtern zurückfragt: „Warum?“, ist die Antwort: „Dann kommst du zur Marine!“
Wer sich widersetzt, würde mit Essensentzug bestraft und lande im schlimmsten Fall sogar in der Psychiatrie. Mädchen würden sexuell missbraucht, so Monakh, die immer wieder mit den Tränen kämpft, als sie von ihren Gesprächen mit geretteten Kindern berichtet.
Die ukrainische Abgeordnete Yevgenia Kravchuk beklagt, dass über das Ausmaß des Leids durch diese russischen Kriegsverbrechen viel zu wenig gesprochen werde. „Viele der Kinder sind jetzt schon seit vier Jahren weg von ihren Familien.“ Es gibt zwar seit 2023 den Internationalen Haftbefehl gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin und seine Kinderrechtsbeauftragte Maria Lwowa-Belowa wegen „unrechtmäßiger Deportation“ ukrainischer Kinder. „Aber sie wissen, dass sie unbestraft bleiben“, sagt Kravchuk frustriert.
Russland hat nur in Einzelfällen Kinder zu ihren Familien zurückkehren lassen, etwa als sich US-First-Lady Melania Trump als Vermittlerin eingeschaltet hatte. „Allein herauszufinden, welche Kinder verschleppt wurden, erfordert Detektivarbeit: Moskau gibt den Kindern neue russische Pässe mit russifizierten Namen“, so Monakh.
Der Kreml leugnet die unrechtmäßigen Verschleppungen. „Die Ukraine inszeniert eine Show zum Thema ‚Kindesentführung‘. Es gibt keine entführten Kinder, es sind Kinder, die von unseren Soldaten gerettet wurden“, erklärte der russische Chefunterhändler Wladimir Medinski. Die vermeintliche Rettung durch Russland ist ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, wie eine Untersuchungskommission der Vereinten Nationen Anfang März glasklar feststellte.