Er hat sich mal wieder nicht an den Sprechzettel gehalten. Friedrich Merz’ Neigung zum markigen Auftritt ist nach Jahrzehnten mit den beiden Meister-Verklausulierern Scholz und Merkel in Maßen ja durchaus wohltuend. Dass sie auch gefährlich sein kann, wenn sie überhandnimmt, zeigt der jüngste Fall.
Da wirft der Bundeskanzler mal eben in den Raum, es sollten innerhalb der kommenden drei Jahre 80 Prozent der Syrer im Land in ihre Heimat zurückkehren – eine haarsträubend unrealistische Marke. Ginge es nicht um den deutschen Regierungschef, müsste man von einem politischen Anfängerfehler ausgehen. Denn egal, ob die Zahl ursprünglich nun von ihm oder seinem Staatsgast aus Syrien stammt: Diese Zielmarke wird hängen bleiben, und er wird sie sehr wahrscheinlich nicht erfüllen. Die AfD wird Merz genau das dann in drei Jahren im Wahlkampf um die Ohren hauen. So langweilig sie teilweise waren: Olaf Scholz oder Angela Merkel wäre so etwas nicht passiert.
Die AfD wollte Merz übrigens mal halbieren. Noch so ein Satz, den er allerdings schon 2018 gesagt hat, als er noch nicht Kanzler war, aber schon CDU-Chef werden wollte. Die rechte Partei brachte damals knapp 15 Prozent auf die Waage – aktuell sind es gut 25.
Als Merz dann im vergangenen Jahr Kanzler wurde, hat er sich schon früh auch selbstbewusst zu Donald Trump positioniert, was damals aber noch unter dessen Wahrnehmungsschwelle durchrauschte. Später – nachdem er sich bei seinem Besuch im Oval Office dessen Gunst erschwiegen hat – hat er den US-Präsidenten auf offener Bühne imitiert. Inzwischen hört Trump auch genau hin, wenn der Kanzler frei heraus sagt, der Krieg im Iran sei nicht seiner.
Auch die Deutschen werden im Reformjahr gut hinhören. Wer wie Merz das Land neu aufstellen will und dabei den Menschen auch unschöne Nachrichten überbringen muss, sollte seine Worte mit Bedacht wählen – und man muss sich auf seine Aussagen verlassen können. Es braucht dazu einen Kanzler, der offen spricht. Keinen, der plappert.SEBASTIAN.HORSCH@OVB.NET