So gefährlich ist der neue Linksextremismus

von Redaktion

München – Der Journalist Nicholas Potter geriet wegen seiner Berichterstattung über das Hamas-Massaker in Israel und den Gaza-Krieg ins Visier von Linksextremisten – obwohl er Redakteur der linken „taz“ ist. Die Hetzkampagne gipfelte in Mordaufrufen. Der in Großbritannien geborene Autor analysiert die linksextreme Bedrohung der Demokratie in seinem Buch „Die neue autoritäre Linke“ (dtv, 20 Euro).

Warum sind Linke so gnädig mit Islamisten, die ja rechtsextremes Gedankengut propagieren?

Klassischerweise ging es der Linken um den Kampf gegen kapitalistische Verhältnisse. Heute geht es zunehmend um den Kampf gegen die liberalen Werte des Westens. Und da ist man bereit, den Schulterschluss mit reaktionären, anti-emanzipatorischen Kräften wie Islamisten zu suchen. Man muss sich nur die Geschichte des Kolonialismus anschauen, um festzustellen, dass die Vorwürfe gegen den Westen nicht unberechtigt sind. Aber es ist problematisch, die liberalen Errungenschaften des Westens gemeinsam mit Leuten zu bekämpfen, die Homosexuelle an Baukränen aufhängen. Die zunehmend wichtig gewordene Schnittmenge zwischen Linken und Islamisten liegt nicht nur in der antiwestlichen Weltanschauung, sondern auch im Antizionismus und Antisemitismus.

Wie nah sind sich inzwischen Links- und Rechtsextremisten?

Es gibt wichtige Unterschiede: Rechtsextreme gehen davon aus, dass die Menschen nicht gleich sind. Die treten nach unten. Autoritäre Linke glauben theoretisch, dass alle Menschen gleich sind oder gleich sein sollen. Sie wollen gewissermaßen nach oben treten, wo die Mächtigen sitzen. Das Problem ist, wen sie als mächtig definieren. Das können Journalisten sein. Sehr oft ist es dieses Geraune über eine zionistische Lobby, also sprich Juden. Vor allem in den Methoden ähneln sich Rechts- und Linksextreme: die Einschüchterung von politischen Gegnern, die autoritäre Denkweise.

Wie groß ist diese neue linksextreme Bewegung?

Das, was ich als neue autoritäre Linke bezeichne, reicht von geschlossenen, sektenhaften stalinistischen Gruppen bis hin zu Teilen des Kunst- und Kulturbetriebs, die sich als postkolonial und links verstehen. Es gibt eine vierstellige Zahl von Personen, die hart ideologisiert sind. Aber die können sich auf einen viel größeren Unterstützerkreis verlassen. Militante Aktionen wie Einbrüche in israelischen Rüstungsfirmen und Militärbasen führt der radikale Kern durch. Aber sie können sich darauf verlassen, dass solche Aktionen oder auch die Einschüchterung von Journalisten auf Applaus bei wachsenden Teilen der Linken stoßen.

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