Schon wieder Stillstand, Streik, Stau, Frust: Der Ärger über die Endlos-Ausstände im Nah- und im Flugverkehr wächst stark. Diese Woche lahmen U-Bahn, Bus, Tram und dazu die Piloten gleichzeitig, letzte Woche ruhten Nahverkehr, dann Flugbegleiter, in den nächsten Wochen wird es ohne Rücksicht auf Verluste so weitergehen. Ja, Streik darf wehtun, in Maßen sind Schäden Dritter hinzunehmen. Aber in den aktuellen Arbeitskämpfen, die noch in einer mittelfrühen Phase stecken, ist die Balance verloren gegangen: Alles wird ausschließlich auf dem Rücken von Pendlern und Reisenden ausgetragen. Immer und immer wieder. Das fällt in Zeiten, in denen die Spritpreis-Explosion den Umstieg aufs Auto noch schmerzhafter werden lässt.
Gewerkschaften haben viel Macht. Das ist gut, solange sie ihre gesellschaftliche Verantwortung nicht vergessen, und die reicht eben über die eigene Zielgruppe hinaus. Wer die Chance hat, mit seinen Streiks die Mobilität einzuschränken, ein Rückgrat des Arbeitslebens, hat extrem große Macht und die besonders große Verantwortung, damit rücksichtsvoll umzugehen. Verdi wird dem mit den endlosen „Warn“-Streikwellen nicht mehr gerecht. Und auch eines der Leit-Ziele, an dem die Gewerkschaft stur festhält, ist schlicht falsch: Die Arbeitszeit stark zu senken (bei steigendem Gehalt), passt nicht in die Zeit einer tiefen Wirtschaftskrise. Viele, die jeden Tag rackern, kämpfen, schuften, haben dafür kein Verständnis mehr. Und auch Verdi-intern schwillt Rumoren an. Die Argumentation wird ja allmählich etwas abstrus: Die Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit diene „der Sicherheit der Fahrgäste“. Was also bedeutet: Der Nahverkehr in München, falls er mal rollt, ist nicht sicher? Das wollen sich nicht alle Beschäftigten gerne von ihrer Gewerkschaft nachsagen lassen.
Deutschland, Bayern, kann sich ein Abrutschen in den Dauerstillstand nicht leisten, dann brechen noch hunderttausende Arbeitsplätze weg. Es braucht in sensiblen Branchen – jetzt! – eine Rückkehr zu maßvolleren Arbeitskämpfen. Oder neue Regeln.CHRISTIAN.DEUTSCHLAENDER@OVB.NET