Die „schwarze Mamba“ für Merz

von Redaktion

Dazwischen liegen 23 Jahre: Katherina Reiche ist seit 2025 Ministerin – 2002 war sie als Teil von Edmund Stoibers Schattenkabinett zu Besuch in unserer Redaktion. © Marcus Schlaf/dpa

München – Als Wahlsieger Friedrich Merz im Mai 2025 sein Kabinett präsentierte, war ihr Name eine Überraschung. Katherina Reiche, Vorstandschefin der Eon-Tochter Westenergie, wechselte direkt in die Ministerriege des neuen CDU-Kanzlers. Katherina wer? Nicht viele hatten die heute 52-Jährige damals auf dem Schirm.

Dabei hätte wenig gefehlt, und Reiche wäre weit früher Bundesministerin geworden. 2002 hatte Kanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) die junge CDU-Bundestagsabgeordnete als mögliche Familienministerin in sein Schattenkabinett berufen. Ein kleiner Skandal. Denn Reiche – damals 29 – war unverheiratet zum zweiten Mal schwanger. Für Teile der katholischen Kirche glich das einer Demontage des christlichen Ehebilds. Der inzwischen verstorbene Kölner Kardinal Joachim Meisner nannte die Personalie „nicht hinnehmbar“.

Es kam ohnehin anders. Stoiber verlor, Schröder wurde Kanzler, Angela Merkel übernahm in der Union. Reiche blieb bis 2015 im Bundestag, bevor sie in die Wirtschaft wechselte. Es war Merz, der sie nun zurückholte. Manche sagen: auch damit sie als Ministerin marktwirtschaftliche Positionen so vertritt, wie er es als Kanzler nicht kann.

Sollte das sein Plan gewesen sein, könnte er für den Kanzler nun zum Bumerang geraten. Denn Reiche tut genau das. Sie setzt voll auf die Mechanismen des Marktes. Weil sie dabei teilweise rigoros auftritt, hat sie nicht nur in SPD-Kreisen den Spitznamen „schwarze Mamba“ inne. Immer wieder rumpelt Reiche mit dem Koalitionspartner zusammen. Jüngst mit Finanzminister und Vizekanzler Lars Klingbeil, der eine Übergewinnsteuer für Mineralölkonzerne forderte, die außergewöhnlich hohe Krisenprofite machen.

Vor dem Wochenende kam es zum offenen Streit: Während Klingbeil Gewerkschaften und Arbeitgeber traf, trat Reiche vor die Kameras und übte scharfe Kritik an den Vorschlägen des Finanzministers: „Der Koalitionspartner ist in den letzten Wochen damit aufgefallen, Vorschläge zu unterbreiten, die teuer, wirkungsschwach und verfassungsrechtlich fragwürdig sind“, sagte sie. Die Sozialdemokraten schießen zurück. „Reines Abwarten und Vertrauen auf den Markt“ werde angesichts der hohen Spritpreise „in den nächsten Wochen absehbar nicht helfen“, sagt der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Sebastian Roloff, unserer Zeitung.

Für Merz, der Reiche und Klingbeil noch zur Zusammenarbeit aufgefordert hatte, ist der Vorfall ärgerlich, weil er seine Autorität infrage stellt. Noch am Freitag ließ der Kanzler verbreiten, er sei „befremdet“ vom Vorstoß seiner Ministerin. Zusätzlich soll er ihr seinen Ärger in einem persönlichen Anruf mitgeteilt haben. Der stellvertretende Vorsitzende des CDU-Arbeitnehmerflügels CDA, Christian Bäumler, brachte gar ihre „Auswechslung“ ins Spiel. CDA-Chef Dennis Radtke, kassierte das aber umgehend ein.

Die Episode zeigt, wie viel Beinfreiheit Reiche als Ministerin in Anspruch nimmt. Sie gilt als fleißig, aber auch als kühl. In ihrem eigenen Haus – das sie vom grünen Wirtschaftsminister Robert Habeck übernommen hat – gibt es Unmut darüber, dass sie externe Berater einbinden will. Manche werfen ihr vor, sie wolle die Energiewende am liebsten zurückdrehen. Reiche bestreitet das.

Dass sie privat mit Karl-Theodor zu Guttenberg liiert ist, ist in diesen Tagen eine kuriose Parallele. Der frühere CSU-Politiker war 2009 selbst Bundeswirtschaftsminister. Er verweigerte im Rahmen der damaligen Opel-Rettung seine Zustimmung zu Staatshilfen – bis hin zur Rücktrittsdrohung. Neben Ärger mit der Kanzlerin brachte Guttenberg das in Teilen der Union hohes Ansehen ein.

Ob Reiche mit ihm darüber gesprochen hat, ist unbekannt. Ihr Privatleben hält sie strikt aus der Öffentlichkeit heraus.

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