Peter Magyar von der Oppositionspartei zeigt nach der Stimmabgabe das Victory-Zeichen. Das Bild recht zeigt seinen Kontrahenten Viktor Orban kurz vor dessen Stimmabgabe. © dpa
Budapest – Viel war spekuliert worden, ob Viktor Orbán, der das Land 16 Jahre fast autoritär geführt hat, die Niederlage eingestehen würde. Am Ende war das Ergebnis aber zu klar. Es ließ keinen Spielraum für Verschwörungstheorien. Nur gut zwei Stunden nach der Schließung der Wahllokale war der Machtwechsel vollzogen. „Die Wahlergebnisse sind, wenn auch noch nicht endgültig, klar. Für uns sind sie schmerzhaft, aber eindeutig“, sagte Orbán vor Journalisten. „Uns ist nicht die Verantwortung und die Chance zum Regieren anvertraut worden. Ich habe der siegreichen Partei gratuliert“, sagte der rechtsnationalistische Regierungschef weiter. Sein Herausforderer Péter Magyar schrieb im Onlinedienst Facebook: „Ministerpräsident Viktor Orbán hat mich gerade angerufen, um uns zu unserem Sieg zu gratulieren.“
Für die Orbán-Partei Fidesz ist es eine heftige Niederlage. Tisza könnte es sogar schaffen, eine Zweidrittel-Mehrheit im Parlament zu erringen. Die Sehnsucht der Ungarn nach einer anderen Politik war offenbar groß. Viele Probleme plagen das Land nach 16 Jahren Fidesz. Stagnierendes Wachstum, eine hohe Inflation, Fachkräftemangel, Abwanderung und Korruption. Dazu kamen zuletzt Streitigkeiten Orbáns mit der EU, die Ungarn deswegen EU-Hilfen in Milliardenhöhe strich.
Die Abkehr vom Westen in Richtung Russland, sie schritt unter Orbán voran. Für Ungarns Bürger stellte sich also die Frage: Wohin soll die Reise gehen? Richtung Westen oder Osten? Vielleicht sogar weg von der Demokratie? Dem 62-jährigen Orbán wurde vorgeworfen, Ungarn scheibchenweise in eine „illiberale Demokratie“ verwandeln zu wollen. Nun wurde er dafür abgewählt.
Der Ausgang der Wahl dürfte auch innerhalb der Europäischen Union, zu der Ungarn seit 2004 gehört, für Aufatmen sorgen. Orbán hatte sich immer wieder als Verhinderer gezeigt, zuletzt ein wichtiges Hilfspaket für die Ukraine blockiert. Der Machtwechsel in Budapest hat voraussichtlich weitreichende Folgen für die Außenpolitik Ungarns. Magyar hat angekündigt, einen prowestlichen Kurs zu verfolgen und Ungarn zu einem verlässlichen Nato- und EU-Partner zu machen. In Moskau dürfte man das nicht gerne hören.
Magyar teilte auf Facebook mit, der französische Präsident Emmanuel Macron und Manfred Weber, der Vorsitzende der EVP, hätten ihm telefonisch gratuliert. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen jubelte auf X: „Ein Land kehrt auf seinen europäischen Weg zurück. Die Union wird stärker“.
In der CSU, die einst Orbán zu ihren Freunden zählte, wird die Abwahl gefeiert. „Ungarn hat sich für Europa entschieden“, sagte Parteivize Manfred Weber unserer Zeitung am Abend. Er hatte Orbán aus der europäischen bürgerlich-konservativen Parteienfamilie EVP geworfen und Magyar herangeführt. „Die Rechtspopulisten haben ihre Symbolfigur verloren, das ist auch ein schwerer Schlag für die deutsche AfD“, sagte Weber. „Orbans dumpfe Propaganda hatte keine Antwort auf die Probleme der Ungarn, deshalb ist er abgewählt.“
Auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) gratulierte dem ungarischen Oppositionsführer zum Sieg. „Ich freue mich auf die Zusammenarbeit für ein starkes, sicheres und vor allem geeintes Europa“, schrieb Merz am Sonntagabend im Onlinedienst X.
Péter Magyar kommt selbst aus Orbáns Fidesz-Partei und trat dann vor rund zwei Jahren spektakulär aus. Der 45-Jährige hat versprochen, Ungarn wieder zu demokratisieren. „Wir müssen uns entscheiden zwischen dem Osten und dem Westen, zwischen Propaganda und aufrichtigen öffentlichen Debatten, zwischen Korruption und einer sauberen Regierung“, sagte er am Sonntag.