Machtspiele an den Meerengen

von Redaktion

Taipeh/München – Sie wirken eigentlich ganz harmlos. Auf den Satellitenbildern erscheinen die vier Fischerboote zu klein, um wirklich etwas anrichten zu können – wie sie im Südchinesischen Meer treiben, umgeben von Lagunen, Riffen und Felsen. Doch tatsächlich sind sie Teil eines Machtspiels Pekings – und eines Konflikts, der zeigt, wie brüchig die Ordnung auf den Weltmeeren geworden ist.

Die Bilder sind am 11. April im Scarborough-Riff entstanden – einem unbewohnten, fast versunkenen Atoll etwa 250 Kilometer westlich der philippinischen Küste. Laut „Reuters“ wurden dort in den vergangenen Tagen mehrere Fischerboote und Schiffe der chinesischen Küstenwache gesichtet, die philippinischen Schiffen den Eingang zum Atoll versperren – sowie eine 352 Meter lange schwimmende Barriere.

Jährlich wird etwa ein Drittel des weltweiten Seehandels durch das Südchinesische Meer geschleust. Das entspricht Waren im Wert von rund 3,3 Billionen US-Dollar. Es ist eine der strategisch wichtigsten Handelsrouten der Welt. Die Lage am Scarborough-Riff wirkt deshalb besonders bedrohlich – auch weil die Blockade in der Straße von Hormus derzeit die gesamte Weltwirtschaft ins Wanken bringt.

Das Gebiet ist seit Jahrzehnten hart umkämpft: Sowohl China als auch die Philippinen erheben Ansprüche. In den vergangenen Jahren hat sich die Lage noch einmal deutlich zugespitzt: Chinesische Küstenwachschiffe bedrängen, so der Vorwurf aus Manila, gezielt philippinische Boote – indem sie ihnen den Weg abschneiden, sie verfolgen, rammen oder mit Wasserwerfern attackieren. Dabei hat der internationale Schiedsgerichtshof in Den Haag bereits 2016 Chinas Gebietsansprüche zurückgewiesen.

Die Blockade vor dem Scarborough-Riff ist ein Territorialstreit; eine Blockade wie in der Straße von Hormus ist dort nicht zu erwarten. Doch Peking beansprucht beinahe das gesamte Südchinesische Meer für sich – die Philippinen sind nicht das einzige Ziel dieser Provokationen. Streit gibt es auch mit Vietnam, Malaysia, Brunei, Indonesien und vor allem Taiwan.

Die Taiwanstraße gehört ebenfalls zu den weltweit wichtigsten Schifffahrtsrouten – ein erheblicher Teil des globalen Containerverkehrs passiert die 180 Kilometer breite Meerenge. Und hier gilt eine Blockade tatsächlich als realistisches Szenario: Das Center for Strategic and International Studies in Washington warnt in mehreren Analysen davor, dass Peking den Schiffsverkehr rund um den Inselstaat kontrollieren könnte, um eine Vereinigung mit dem chinesischen Festland zu erzwingen.

Die internationalen Spannungen lenken den Blick immer stärker auf die zentralen Seerouten – denn ein Großteil des Welthandels ist von wenigen Meerengen abhängig. Seit etwa die Huthi-Miliz den Iran im Krieg gegen die USA und Israel unterstützt, wächst auch die Sorge, dass die Islamisten die wichtige Handelsroute durch das Rote Meer blockieren könnten – etwa zehn Prozent aller global gehandelten Waren passieren die 27 Kilometer breite Meerenge zwischen dem Jemen und Dschibuti. Das hätte auch Auswirkungen auf den Verkehr im Suezkanal, der als Nadelöhr des Welthandels gilt – die sechstägige Blockade durch das Containerschiff „Ever Given“ im Jahr 2021 hat der Weltwirtschaft Verluste in Milliardenhöhe beschert.

Einer Studie des Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII) zufolge könnte eine längere Blockade der Straße von Hormus die Exporte von fünf Golfstaaten im Wert von bis zu 1,2 Billionen Dollar jährlich beeinträchtigen. Und: Während die Autoren von weniger gravierenden Folgen für Deutschland und die EU ausgehen, gilt China als einer der größten Verlierer.

Artikel 1 von 11