WIE ICH ES SEHE

Moby Dick in der Ostsee

von Redaktion

Seit Wochen gibt es in den Medien kein wichtigeres Thema als das Schicksal eines in der Ostsee gestrandeten Walfisches. Er ist wirklich zu bedauern, denn durch eine Verstrickung mit einem Fischernetz, das er auf hoher See eingefangen haben muss, ist er noch nicht einmal in der Lage, etwas zu fressen. Unsere Umwelt- und Naturschützer aber haben ihre große Zeit und überbieten sich gegenseitig mit Gutachten, Hilfsmaßnahmen und Überlegungen, wie man das Tier retten kann. Oder ob man es besser in Ruhe sterben ließe? Das vermeintlich naturverbundene Weltbild, dem eine Mehrheit hierzulande anzuhängen scheint, reicht auf See vom kleinsten Lebewesen – dem Wattwurm – bis zum größten lebenden Tier – dem Walfisch.

Der Schutz von Tieren, wie auch der übrigen Natur, ist ja durchaus ein guter Gedanke. Gut war es auch, dass der nationalsozialistische Staat schon am 24. November 1933 als eines seiner ersten Gesetze das „Reichstierschutzgesetz“ erlassen hat. Es war zu seiner Zeit eines der fortschrittlichsten Gesetze dieser Art. Nur war es unter Hitler auch eine ideologische Inszenierung, mit der gutgläubige Bürger getäuscht werden sollten. Denn gleichzeitig predigte dieser Staat Gewalt gegen Menschen. Nicht nur die Tiere, sondern der Naturschutz überhaupt wurde propagandistisch ausgeschlachtet. „Der Führer schützt die Hecken“ hieß es und das war ernst gemeint, auch wenn es heute lächerlich klingt.

In dem berühmten klassischen Walfänger-Roman „Moby Dick“ verkörpert ein von Kapitän Ahab verfolgter riesiger weißer Wal die Natur aber ganz anders. Die unbegreifliche Naturgewalt des Walfisches bringt Ahabs böse Besessenheit und eine Aggression hervor, wie wir sie heute bei autoritären Herrschern erleben. Sie vernichtet am Ende alle, das Schiff, den Kapitän und alle Besatzungsmitglieder, mit Ausnahme des Erzählers mit dem Namen Ishmael. In dem Roman spielt aber auch das Gegenteil alles Bösen, die Menschlichkeit jenseits aller kulturellen Unterschiede, eine entscheidende Rolle. Für sie steht der Harpunier aus der Südsee namens Queequeg. Er wird in seiner Fremdheit ein enger Freund des Erzählers Ishmael und ist bereit, sein Leben für ihn hinzugeben.

Humanität und Friedensliebe über alle kulturellen und religiösen Grenzen hinweg stehen so im Mittelpunkt dieses Romanklassikers. Die Zuversicht, dass wahres Menschentum wichtiger ist als die Politik und der Ehrgeiz von Staatsmännern mit dem Zerstörungs- und Eroberungswahn eines Ahab, muss über allem stehen. Das Deutsche Grundgesetz weist der Menschenwürde zu Recht den höchsten Verfassungsrang zu. Sie zu bewahren, für sie zu kämpfen, ist die wichtigste Aufgabe – immer und besonders heute. Denn mit zwei Kriegen und konkreten Drohungen von Russland gegen Westeuropa, das die Ukraine unterstützt, leben wir in einer Zeit gefährlicher Kriegsbereitschaften, wohin wir schauen.

Das Buch von Herman Melville über den wahnsinnigen Waljäger erschien 1851. Seine Botschaft für Freundschaft über alle Völker und Religionen hinweg macht es zur Pflichtlektüre.

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