Deutschland ist zu zart besaitet

von Redaktion

Neue Militärstrategie

An großen Rädern zu drehen, ist nicht nur mühsam, sondern dauert auch. Mehr als vier Jahre nach Beginn des russischen Angriffskrieges in der Ukraine hat Boris Pistorius nun die deutsche Militärstrategie vorgestellt. Die allererste ihrer Art. Und siehe da: Die größte Gefahr kommt aus dem Osten.

Dass sich manches, was die Strategen zu Papier gebracht haben, banal liest, lässt sich kaum vermeiden. Militärpläne sind nichts, was man öffentlich ausbreitet. Festhalten lässt sich immerhin, dass die Bundesregierung den Ernst der Lage, anders als einige ihrer Vorgänger, voll erfasst hat. In einer Zeit, wo die ewige Gewissheit der Schutzmacht USA zerbröselt ist, müssen wir für unsere Sicherheit selbst sorgen. Dabei reicht es nicht, wenn ein europäisches Land die Defizite des anderen ausgleicht. Alle Länder müssen ihre Armeen stärken und dann die Kräfte bündeln, um wirklich glaubhaft abzuschrecken.

Ebenso klar ist aber, dass der Weg bis zu einer vollständigen Abwehrbereitschaft oder dem auch gestern wieder formulierten Ziel „Stärkste konventionelle Armee Europas“ noch weit ist. Das wird nirgendwo so deutlich wie beim Personalaufwuchs. Es sind ja nicht nur die 260.000 aktiven Soldaten, die die Bundeswehr bis Mitte der 30er-Jahre haben soll. Mindestens ebenso anspruchsvoll ist die Marke von 200.000 angestrebten Reservisten. Sie sollen sich speisen aus den Wehrdienstleistenden von heute, oft nur mit ein paar Monaten Ausbildung. Und aus dem bisherigen Bestand an Reservisten, deren aktive Zeit Jahre, häufig Jahrzehnte zurückliegt. Auch das ist eine Facette des aktuellen militärischen Abschreckungsniveaus.

Es wird höchste Zeit, im Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern, wie wichtig uns eine starke, gut ausgebildete Armee sein sollte. Der Glaube, dass es auch ohne geht, war bequem, aber brandgefährlich. In anderen Ländern ist die eigene Armee präsenter, die Briten etwa werben ganz offen mit heftigsten Kampfszenen („Hier gehörst du hin“). Deutschland, wo Wlan und Gratis-Führerschein Unentschlossene locken sollen, ist in dieser Hinsicht zarter besaitet, als es die Zeiten erlauben. Marc.Beyer@ovb.net

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