Aigner und das gefährliche Lob

von Redaktion

Überraschende Rückenstärkung: Ilse Aigner und Markus Söder beim Landtagsempfang 2023 im Schloss Schleißheim. © dpa

München – Just am Donnerstag saß Ilse Aigner in einer Hintergrundrunde mit Journalisten. Frage um Frage prasselte auf sie ein, ob sie Bundespräsidentin werden wolle. Sie antwortete stets freundlich, unverbindlich, knapp, wie immer bei dem Thema. Auch auf geschliffenste Nachfragen und trickreichste Versuche ließ sich Aigner nichts herauskitzeln. Die Hartnäckigste, die sich die Zähne ausbiss an ihr, lächelte sie heiter an: „Netter Versuch.“

So ungefähr geht das seit Wochen: Die Spekulationen brodeln, die Hauptfigur schweigt. Am Donnerstagabend aber, kurz nach Aigners Runde, hat sich die Lage bemerkenswert gedreht: Per Interview in unserer Zeitung verkündete CSU-Chef Markus Söder, die Landtagspräsidentin aus Oberbayern wäre doch eine starke Kandidatin fürs höchste Staatsamt. „Wenn Ilse Aigner möchte, hat sie meine volle Sympathie und Unterstützung.“

Das Lob kam plötzlich. Bisher war Söder nachgesagt worden, Zweifel an Aigners Eignung zu haben und außerdem lieber sich als andere in höchsten Berliner Ämtern zu sehen, dezidiert dazu geäußert hatte er sich nie. Nun hat die Debatte Wucht, denn eine Entscheidung steht tatsächlich an. Bis Ende September, also nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, wollen sich CDU, CSU und SPD auf einen Kandidaten – explizit erwünscht: eine Kandidatin – einigen.

Nun zählt jedes Wort. Vor allem das vom Kanzler. Friedrich Merz ist persönlich gut mit Aigner befreundet, hat sich aber nie konkret zu einer Kandidatur geäußert. Kundige in Berlin streuen, er könne sich auch gut mit Karin Prien anfreunden, der eher liberalen CDU-Bundesministerin aus Schleswig-Holstein. Sie wäre das erste Staatsoberhaupt jüdischen Glaubens, auch ein starkes Signal in Zeiten wachsenden Antisemitismus. Auch die Namen Monika Grütters, Julia Klöckner und gar Ursula von der Leyen fielen schon. Laut „Bild“ wurde Merz auf seiner Zypern-Reise am Freitagmorgen komplett von Söders Ansage überrascht.

Die CSU steht klar hinter Aigner. „Sie wäre eine gute Bürgerpräsidentin – nahbar, bodenständig, verbindend“, sagt Landtagsfraktionschef Klaus Holetschek. „Sie führt ihr Amt der Landtagspräsidentin klug, überzeugend und sympathisch“, sagt Innenminister Joachim Herrmann unserer Zeitung. „Genauso stark würde sie auch als Bundespräsidentin agieren, um vor allem die Demokratie in Deutschland zu schützen und zu stärken.“ Dazu ein klares Ja der Freien Wähler. Fraktionschef Florian Streibl: „Man wäre sehr stolz, wenn die erste Bundespräsidentin aus Bayern ist. Dem Charme kann man sich kaum entziehen.“

Aus der SPD gibt es überraschend Rückendeckung. „Eine Brückenbauerin“, sagt Parteichef Lars Klingbeil mit großer Sympathie. Noch gebe es aber keine Entscheidung. Der frühere Arbeitsminister Hubertus Heil sagte dem „Tagesspiegel“, er kenne und schätze Aigner seit Jahren. „Sie ist eine kluge und verantwortungsbewusste Demokratin und wäre mit Sicherheit eine geeignete Kandidatin.“ Markus Rinderspacher, Vizepräsident im Landtag, lobt: „Ilse Aigner gelingt es, Brücken zwischen politischen Lagern und gesellschaftlichen Gruppen zu bauen und so den Zusammenhalt zu stärken.“ Und, Achtung, sogar der grüne Landtagsvize Ludwig Hartmann sagt unserer Zeitung: „Ich traue ihr das Amt durchaus zu.“ Mit der kleinen Spitze: „Dass Söder ihr erst jetzt seine Unterstützung zusagt, erstaunt mich. Aber besser spät als nie.“

Zu spät? Andere sagen, der Name falle zu früh für Steinmeiers Nachfolge. Fünf Monate in einer aufgewühlten Koalition wie in Berlin reichen, um stärkste Kandidaten zu zerreden.

Ach ja, Aigner selbst? Die 61-Jährige schweigt, auch am Freitag. Aus Respekt vor Amt und Amtsinhaber werde sie sich weiterhin nicht äußern, lässt sie ausrichten. „Auch dann nicht, wenn ihr eigener Name fällt.“

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