Deutschland steht an einem industriepolitischen Wendepunkt. Unsere industrielle Stärke – jahrzehntelang Garant für Wohlstand – steht unter Druck. Hohe Energiepreise, globale Konkurrenz und stockende Zukunftsinvestitionen zwingen uns zur Entscheidung.
Gerade Bayern und Nordrhein-Westfalen tragen als industrielle Schwergewichte besondere Verantwortung. Doch während NRW den Wandel aktiv gestaltet, tritt Bayern auf die Bremse. Dabei ist der Umgang mit Veränderung kein Detail, sondern entscheidend für unseren Wohlstand.
Beispiel Energiepolitik: Die NRW-Landesregierung hat seit 2022 1615 neue Windenergieanlagen auf den Weg gebracht, 610 davon sind schon jetzt in Betrieb. Das Ziel aus dem Koalitionsvertrag, 1000 neue Anlagen bis 2027: übertroffen. Zum Vergleich: In Bayern wurden im selben Zeitraum 45 in Betrieb genommen, obwohl flächenmäßig größer und weniger dicht besiedelt. Dabei senkt jedes Windrad die Energiepreise und macht uns unabhängiger von fossilen Importen.
Statt konsequent auf günstige und sichere Energieträger zu setzen, wünscht sich die CSU-FW-Regierung die Vergangenheit zurück, träumt von einer Renaissance der Atomkraft und verkauft Mini-Reaktoren als High-Tech-Heilsbringer – auch wenn die nicht konkurrenzfähig zu Erneuerbaren sind. Weltweit stammen über 92 Prozent der neu installierten Stromkapazitäten aus Erneuerbaren. Mehr Erfolgsmodell geht nicht.
NRW ist eine der bedeutendsten Industrieregionen Europas und hat einen bemerkenswerten Strukturwandel eingeleitet. Zwischen 2010 und 2023 sank der CO₂-Ausstoß der Industrie um rund 38 Prozent, in Bayern um 13 Prozent. Gemeinsam mit Unternehmen und Gewerkschaften verfolgt die Landesregierung ein klares Ziel: NRW soll erste klimaneutrale Industrieregion Europas werden. Denn nur so gelingt es langfristig, Arbeitsplätze und Wohlstand zu sichern. Bayern steht vor gleichen Herausforderungen und spürt mit den starken Maschinen-, Auto- und Elektronikbranchen den globalen Wettbewerbsdruck besonders. Über 400.000 Arbeitsplätze hängen direkt oder indirekt am Automobilsektor. In dieser Phase braucht es klare Rahmenbedingungen und Investitionen in Zukunftstechnologien – nicht endlose Debatten über Verbrenner-Neuzulassungen. Wer Stillstand als Technologieoffenheit verkauft, gefährdet den Industriestandort.
Entscheidend ist, welche Technologien in fünf bis zehn Jahren die Märkte prägen – und ob wir dann vorne mitspielen. Dafür braucht es schnellere Genehmigungen, digitale Verfahren statt Papierakten und eine entscheidungsstarke Verwaltung. Bürokratieabbau ist eines der wirksamsten Konjunkturprogramme. Reden darüber reicht nicht, tatsächlich machen ist nötig.
Die Zukunft unserer Industrie entscheidet sich nicht im Festhalten am Alten, sondern im entschlossenen Aufbau des Neuen. NRW zeigt, dass dieser Weg funktioniert. Bayern kann – und muss – folgen.
Die Autorinnen
Katharina Schulze ist Fraktionschefin der Grünen im Landtag
Mona Neubaur ist Wirtschafts- und Energieministerin in Nordrhein-Westfalen
Morgen: Eine Replik der CSU